Start ins Leben: Ein cooler moderner Vater?

Tochter und Vater beim Backen

Wenn eine Frau Mutter wird, verändert sich viel. Und viel ist auch schon darüber gesprochen und geschrieben worden. Was aber passiert bei einem Mann, der Vater wird? Und wie nehmen die Frauen den frischgebackenen Vater wahr? Ich habe einige Frauen gefragt: „Unsere Tochter ist gerade geboren, geschafft, alles gut gelaufen. Ich werde noch versorgt und Moritz, mein Partner bekommt die kleine Marie in den Arm. Ich beobachte ihn und nehme wahr, wie ihm in dem Moment tausende Steine von der Seele plumpsen und fast unmerklich danach, tausende von Steinen auf seine Schultern geladen werden.

Ich weiß, ihm geht sorgenvoll durch den Kopf: ‘Kann ich dieses Wesen beschützen? Kann ich mit einem Mädchen umgehen? Was wenn es in die Pubertät kommt? Rebelliert? Kann ich sie beschützen? Versorgen?’ … und wahrscheinlich noch viel mehr.“, so erzählt Marlies von den ersten Momenten, in denen sie ihren Freund als Vater wahrnimmt. Wobei das so nicht ganz stimmt, den Marlies hat aus einer vorangegangenen Beziehung bereits eine Tochter. Malina ist gerade acht als ihre Schwester geboren wird und Moritz hat sich in den zwei Jahren Beziehung als sehr verlässlich und verantwortungsvoll in seiner Vaterrolle gezeigt. Und doch ist jetzt etwas anders. Marlies kann es nicht wirklich beschreiben; sie spürt eine neue Art der Verbindlichkeit und Verbundenheit. Aus dem coolen Tätowierer, der entschlossen sein Ziel verfolgt, einen eigenen Tattooladen aufzubauen, ist ein besorgter Vater geworden, der Urlaub macht, in den Tierpark und auf den Spielplatz geht. Das wäre vor einem Jahr noch unvorstellbar gewesen.

Da entsteht unweigerlich die Frage, was bei einem Mann passiert, wenn er Vater wird? Geprägt von den Ansprüchen der Partnerin, der Familie und der Gesellschaft. Und natürlich nicht zuletzt seinen eigenen Ansprüchen, wie zum Beispiel, ein moderner, cooler Papa zu sein, für das Kind da zu sein, möglicherweise der Haupternährer zu sein und seinen Mann zu stehen.

So erlebt es auch Carina bei ihrem Mann. Seit Lukas Vater ist, dreht sich bei ihm fast alles um das Kind. Er kocht Brei, trägt die Tochter rum, bringt sie ins Bett, wechselt Windeln. Alles selbstverständlich und zugleich möchte Lukas beruflich vorankommen, er hat ja eine Familie zu versorgen. So ist er immer erschöpft und es bleibt keine Kraft für den Haushalt und die Partnerin. Hier bewegt er sich, wie viele Männer heute, im Spannungsfeld der äußeren Ansprüche, seiner Prägung als Kind und dem Bild des modernen Mannes. Und Carina? Fühlt sich oft alleine, überlastet, als Frau nicht mehr gesehen; ihr fehlt die körperliche Nähe und es frustriert sie, dass von dem Sex, der früher so intensiv und leidenschaftlich war, fast nichts mehr übrig ist.“
Und das Kind – ein Papakind …

Auch Elena berichtet von der Veränderung ihres Partners, der zwar schon immer ein emotional zugewandter Mann, jedoch unerschütterlich war. Jedoch jetzt, nach der Geburt von Simon, so erschütterlich und verletzbar scheint. Manchmal erkennt sie ihn nicht wieder.

Gab es dieses Phänomen schon immer? Ich frage eine heute 91-jährige Frau, die in den 60er Jahren Kinder bekommen hat. Ihr Mann habe aufgeregt und durcheinander auf die Nachricht der Geburt gewartet. Er hat Interesse am Kind und seine Freude gezeigt. Sonst hat sich in seinem Verhalten scheinbar nichts geändert. Beruflich hat er jede Chance ergriffen, die Karriereleiter weiter nach oben zu steigen, um sich endlich Schränke und eine Waschmaschine leisten zu können.
Also war früher doch alles besser? Nein, denn ich denke, die Kinder von heute profitieren sehr von der Präsenz und Sensibilität ihres Vaters, auch wenn sich vieles in dem Spannungsfeld der unterschiedlichen Ansprüche bewegt.

Wie wir oft in unseren Beratungen erleben, kann aus diesem Spannungsfeld auch eine handfeste Beziehungskrise werden. Und dann kann es hilfreich sein, sich in professioneller Beratung Unterstützung zu holen.

INFO:
Astrid Schreiber
Dipl.Sozialpädagogin,
Syst. Einzel,-Paar und
Familientherapeutin (DGSF)
bei pro familia Augsburg e.V.
Tel.: 0821 / 45 03 62-0

www.profamilia.de

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