Sommer-Urlaub mit Kindern im Pitztal

Nicht nur zur Skisaison hat das Tiroler Pitztal einiges zu bieten. Während der südliche Teil als hochalpines Bergsport-Eldorado bekannt ist, hat liesLotte mit einer Schar kleinerer Kinder das untere Pitztal unsicher gemacht und festgestellt: Kinderschreck Wanderferien? Pustekuchen! Das hier ist jedem Strandurlaub haushoch überlegen.

Über vierzig Kilometer erstreckt sich das Pitztal entlang des Flüsschens Pitze, das hoch oben in den Öztaler Alpen entspringt und bei Imst in den Inn mündet. Im Südteil des Tals schieben sich gewaltige Gletscher talwärts und im türkisfarbenen Gletscherwasser des einsamen Rifflsees spiegeln sich nichts als Wolken und Geröllfelder.  Abseits der Bergbahnen finden erfahrene AlpinsportlerInnen, die die Massen scheuen, paradiesische Bedingungen.

Weiter nördlich zeigt die Pitztaler Bergwelt sich von ihrer milden, freundlicheren Seite. Rund um die Gemeinden Jerzens, Wenns und St. Leonhard ist von Klettern über Baden, Reiten, Pilzesammeln und Bouldern bis Kartfahren alles an Action möglich, was Kinderherzen höher schlagen lässt. Und die Eltern? Die gehen saunieren, auf Sightseeing, zu Verkostungen oder – in aller Ruhe – zum Wandern. Klar, dass wir uns auf unserem Kurztrip hier niedergelassen haben. Unsere Kinder sind zum Zeitpunkt der Reise fünf, acht und zwölf Jahre alt. Eine ordentliche Altersspanne, die das vorhandene Angebot ohne nennenswerte Schwierigkeiten überbrückt.

Auf geht's: auf den Hochzeiger

Über den Wolken – am Hochzeiger

Zirbenpark am Hochzeiger: Spaß für die ganze Familie

Los geht‘s für uns am Alpin-Center Jerzens, nur ein paar Schritte vom Hotel entfernt. Der Alpin-Center ist der zentrale Anlaufpunkt für die meisten Angebote der Region; von hier fahren auch die Bergbahnen auf den Hochzeiger. Unser Ziel ist der Zirbenpark, eine Mischung aus Themenpark, Spielplatz und Rundwanderweg in familienfreundlicher Größe. Für Flachländer und Städter noch dazu, wie wir es sind, beginnt der Nervenkitzel schon in den schaukelnden Gondeln mit der gigantischen Aussicht ins Tal und auf die umliegenden Gipfel. An der Mittelstation heißt es Aussteigen und rechts der Bahn öffnet sich der Blick auf das weitläufige Gelände des Parks direkt am Berghang.

Zirbenpark

Die Zirbe, so lernen wir hier, ist ein faszinierender Baum: keiner klettert die steilen Alpenhänge so hoch empor wie er. Bis auf 2200 Meter Höhe ist die Zirbe anzutreffen. Das raue, hochalpine Klima beinhaltet extreme Temperaturdifferenzen von bis zu vierzig Grad Minus im Winter und 30 Grad im Sommer. Aber auch schwere Stürme, Lawinen und Trockenheit. Dass ein Baum genügsam sein muss, um das auszuhalten, versteht sich von selbst, aber dass er dabei an die tausend Jahre alt werden kann, versetzt uns in Staunen. Gleich am Parkeingang begrüßt uns eine Murmelbahn, die in eine vom Blitz erlegte, sechshundert Jahre alte Zirbe gefräst wurde. Die Kugeln gibt’s an der Mittelstation dazu, und während die einen Kinder ihren Murmeln in der Baumskulptur hinterherjagen, klettern die anderen darauf herum.

Zirbenpark Wasserspielplatz

Überall im Park warten weitere große und kleine Murmelbahnen, aber auch viele andere Attraktionen. An einer Station dürfen Zirben gepflanzt werden, an einer anderen hüpfen die Kinder begeistert aus der oberen Etage einer Minischeune ins Heu. Ob Kletterwand, Hangelstation, Slackline oder Mega-Rutsch-Turm mit Aussichtsfernrohr – am Ende landen alle am Wasserspielplatz, wo sich Groß und Klein im klaren, kalten Bergwasser abkühlen.

Köstliches beim Zirben-Workshop

Zirbelnüsse aka Zirbenzapfen

Im Zeigerrestaurant der Mittelstation machen wir Pause. Die Kleinen vergnügen sich im gut ausgestatteten Kinderbereich, während die Große mit uns beim Zirben-Workshop lauscht. Der Betreiber der Gastronomie klärt uns auf über die vielseitige Verwendung der Zirbe, vor allem in seinem Gebiet, der Kulinarik. Dazu gibt es eine reichhaltige Suppe mit Zirbenöl zu verköstigen und lecker-würzige Zirbensirupschorle.

Rasant bergab mit Zirben-Carts

Zirbencards

Nach einem deftigen Mittagessen geht es von der Mittelstation im Sessellift hoch auf den Sechszeiger-Gipfel. Mit Helmen ausgestattet geht es von hier mit den schnittigen ZirbenCarts rasant bergab. Große Erleichterung beim Testsitzen: die Karts haben zuverlässige Handbremsen. Na dann! Los geht’s: Die Kleinen fahren auf dem Schoß mit, während unsere Große Mindestgröße und -alter erfüllt und schon selber talwärts brettern darf. Die Abfahrt über den Wolken vor atemberaubend weiter Alpenkulisse ist für alle ein unvergessliches Erlebnis, das nach Wiederholung ruft. Zurück an der Mittelstation kommt uns die Strecke viel zu kurz vor, dabei sind wir ganze drei Kilometer bergabwärts gefahren.

Nebelpferde und Zirbenadler auf der Kalbenalm

Pferde auf dem Hochzeiger

Noch einen Abstecher zur Kalbenalm in einer halben Stunde Entfernung wollen wir wandern. Eigentlich ist das Pitztal bekannt für sein stabil trockenes Wetter. Doch bei unserem Besuch zeigt sich das Wetter launisch: auf einmal verschwindet die ganze Welt in dichtem Nebel. Der Wanderpfad ist gesäumt von Himbeeren, Blaubeeren, kleinen Bächen und bemoosten Felsblöcken. Auf einmal tauchen Pferde im Nebel vor uns auf, zur großen Freude der Mädchen.

Weitblick: Zirbenholzadler auf der Kalbenalm

Kurz darauf treffen wir auf der Kalbenalm ihren Besitzer: Almbauer Klaus verpflegt in traumhafter Lage Wanderer von nah und fern. Bei selbstgebackenem Kuchen, Zirbenschnaps für die Großen und Limo für die Kleinen reisst der Himmel auf und offenbart ein herrliches Panorama. Die Kinder planschen am Wasserrad des Bergbaches und darüber wachen die handgeschnitzten Zirbenholzfiguren des Almbauern. Hierlässt es sich wahrlich aushalten, denken wir, bevor wir bei strahlender Sonne gemütlich zur Bergbahn zurückwandern.

Auf verwunschenen Pfaden zur Tiefentalalm

Als am nächsten Tag die Sonne aufgeht, tut sie das ohne uns. Wir stecken unter, nein, in einer dichten Wolkendecke und es nieselt. Aber wie es der Zufall so will, steht für die Kinder heute Indoor-Bouldern im Kletterstadl in St. Leonhard auf dem Programm. Am Alpin-Center warten schon die erfahrenen Betreuer unter der Ägide von Anleiter Hubert mit dem Bus auf die Kinder. Wir Erwachsenen machen uns ebenfalls auf den Weg ins Talinnere nach St. Leonhard, um von dort aus ungestört zur fünfhundert Meter höher gelegenen Tiefentalalm zu wandern. Die fehlende Kondition bringt uns auf den steilen Trampelpfaden ganz schön ins Schwitzen – da kommt der Nieselregen gerade recht.

Verwunschener Wald

Rund um uns herum tropft es von den Bäumen und Wurzeln. Und zwischen Moos und Farnen glänzen flechtenüberwucherte Felsen, Blaubeeren und rot leuchtende Fliegenpilze. An die Welt von „Ronja Räubertochter“ erinnern uns diese verwunschenen Bergpfade.
An der Tiefentalalm angekommen geben die Nebelfetzen den Blick frei auf einen hochgelegenen Talkessel vor den schneebedeckten Gipfeln der Rofelewand. Ein rauschender Bergbach fliesst vorbei und ist gleichzeitig Spielplatz wie auch Tränke für die Kühe, Ziegen, Hühner und Hasen, die die Alm im Sommer ihr Zuhause nennen.

Musik auf der Tiefentalalm

Während wir unsere feucht gewordene Kleidung am Holzofen trocknen und uns über unsere ansehnlichen Portionen Pilzgulasch mit Knödeln beugen, erklingt von der Terasse Akkordeonmusik. Der Almwirt Franz hat sein Instrument ausgepackt und singt mit dem Trupp erfolgreicher Jäger schwungvolles Tiroler Liedgut. Der unvermeidliche Zirbenschnaps fliesst in den Pausen; „Für die Stimmbänder“, versichert uns der Franz. Bester Laune geht es talabwärts.

Zurück am Alpin-Center treffen wir auf nicht minder gut gelaunte Kinder, die ihre Kräfte an den verschiedenen Routen des Boulderstadls ausprobiert hatten. Zurück im Hotel treiben sich die Kinder mit den neu geschlossenen Urlaubsbekanntschaften zwischen Spielplatz und Kicker-Raum herum. Die Erwachsenen nutzen die Zeit bis zum Abendessen und gönnen sich eine entspannte Stunde in der Hotelsauna.

Augsburger Déjà-vu‘s beim Zirm-Sepp

An unserem letzten Tag treffen sich die Kinder noch einmal am Alpin-Center mit den Klettertrainern Hubert und Julia. Heute geht es in den Kletterpark auf dem Hochzeiger, während die Großen unten in Jerzens das Sägewerk Reinstaller besichtigen, wo der ehemalige Bürgermeister Josef Reinstaller mit seiner Frau Roswitha das weit und breit reinste Zirbenöl destilliert.

Sepp und Roswitha vom Sägewerk Reinstaller

Wir erwarten ein paar interessante Fakten zu dem hochgepriesenen Öl, das, wie uns mehrfach erläutert wurde, erwiesenermaßen den Herzschlag im Schlaf verlangsame und beruhige. Was uns tatsächlich erwartet, ist ein echtes Tiroler Original, der uns mit Herzblut und Leidenschaft an seiner Passion, der Zirbenverarbeitung teilhaben lässt, aber auch an seiner Lebensgeschichte und den Anekdoten der Pitztaler Bergwelt. An den Wänden hängen neben Zeitungsartikeln auch Ausdrucke von Mails, in denen sich Menschen aus nah und fern für ihre guten Erfahrungen mit Zirbenmöbeln bedanken. Sepp und Roswitha haben allen Grund, stolz zu sein auf ihre Arbeit hier im Sägewerk an der Pitze.

 

Zirben-Sepp erklärt die Zirbenölherstellung

Wir staunen über den herrlichen Duft, den die Kessel freilassen, als Zirm-Sepp, wie er sich nennt, für uns seine Destillieranlage öffnet. Im Sägewerk wird das wertvolle Zirbenholz zu Möbeln, aber auch zu Schnitzeln verarbeitet. Aus fast 500 kg Schnitzeln rinnt das Öl für eine Florentinerflasche. Den Strom für die Produktion erzeugt das Sägewerk selbst mithilfe von Wasserkraft.

Im angrenzenden Laden finden wir unzählige Zirbenöl- und Zirbenprodukte, darunter auch unser Augsburger Stadtwappen, die Zirbelnuss. Die römische Legion, aus deren Lager Augsburg einst entstanden ist, trug den Zirbenzapfen als ihr Feldzeichen. So fand die Nuss, die eigentlich ein Zapfen ist, ihren Weg aus den Alpen ins Augsburger Wappen.

Hoch hinaus im Kletterpark Jerzens

Kletterpark Jerzens

Die Kinder kraxeln derweil in der Bergwelt über unseren Köpfen herum. Im Kletterpark Jerzens unweit der Hochzeiger-Mittelstation erlernen sie Sicherungstechniken, klettern mit und ohne Überhang und seilen sich ab. Unter fachkundiger Anleitung meistern nahezu alle Kinder die Seilbrücke und sind danach mächtig stolz auf sich. Die Kletterfelsen sind abwechslungsreich und hätten bei besserem Wetter auch noch deutlich anspruchsvollere Klettersteige hergegeben, wo ohne Griffe geklettert werden kann. Aufgrund des herbstlichen Wetters waren jedoch die Felsen zu glatt, dafür sammelten manche Kinder rund um den Kletterfelsen ganze Mahlzeiten an Steinpilzen und Pfifferlingen.

Rumkommen

Mit der Pitztal SommerCard

Zirbencarts

Für die Sommermonate versammelt die Pitztal SommerCard jede Menge familienfreundlicher Aktionsmöglichkeiten unter einem Dach. Dabei dürfen die Kinder jederzeit unter der Woche mit Pitzi‘s Kinderclub betreute Angebote wahrnehmen, so dass die Erwachsenen sich auf eigene Faust im Pitztal umsehen können. Ob Reiten, Bouldern, Klettern, Gletscher-Besichtigung, Rifflsee, Zirbenpark oder Zirben-Carts – jeden Tag ist ein Angebot pro Person inkludiert. Zwei Wochen am Strand? Da kann der Pitztal-Urlauber nur gähnen. Unser Fazit: im Pitztal gäbe es mehr zu erleben, als unsereins für gewöhnlich Urlaub hat.

Mit der Hochzeiger-Bahn:

Die Hochzeiger Gondelbahn ist von 7. Juni bis zum 13. Oktober täglich in Betrieb. Erwachsene zahlen 18 Euro für Berg- und Talfahrt, Kinder im Alter von 6 bis 15 Jahren 6,50 Euro. Wer die Gletscherpark Card hat, mit der alle Bahnen der Region genutzt werden können und es bei Bonus- und Kulturpartnern Ermäßigungen gibt, fährt gratis. Die Gletscherpark Card kostet für drei (im Zeitraum von fünf Tagen) 68 Euro für Erwachsene, 41 Euro für Kinder (Jahrgänge 2004 bis 2012), die Jüngsten fahren gratis. Ebenfalls viele Vorteile bietet die Pitztal Sommercard, die Urlauber beim Einchecken in über 50 ausgewählten Unterkünften automatisch erhalten: Alle Bergbahnen und zahlreiche Freizeiteinrichtungen sind damit kostenlos. www.hochzeiger.com

 

Hinkommen:

Augsburger, Allgäuer und alle anderen Schwaben erreichen das Pitztal in circa drei Stunden mit dem Auto ab der Landesgrenze bei Füssen in gerader Linie auf der Fernpass-Route.

Tipp: Bei Reutte spannt sich in schwindelerregender Höhe eine der längsten Fußgängerhängebrücken der Welt über die Fernpassstraße. Die highline179 verbindet die Ruine Ehrenberg mit dem Fort Claudia und ist definitiv einen Abstecher wert.

Aufgepasst! Fahrverbote und Maut in Tirol:

Fahrverbote: Für 2019 gelten bis zum 15. September an Wochenenden auf österreichischen Landstraßen Fahrverbote für den Durchgangsverkehr. Will heißen: wer kein spezielles Ziel in der Stadt oder den Dörfern ansteuert und lediglich einen Stau umfahren möchte, wird von der Polizei umgehend zurück auf die Bundes- bzw. Autobahn zurückgeschickt. Viele Navigationssysteme haben die Regelung noch nicht auf dem Schirm, daher gilt es aufzupassen, wer nicht, so wie wir, eine Extrarunde drehen möchte.
Mautfreiheit: Bisher ist der Fernpass mautfrei. Seit November 2018 wird allerdings in Österreich die Einführung einer Maut auch für den Fernpass mit großen Erfolgsaussichten diskutiert, so dass sich die Lage in naher Zukunft ändern kann.

Unterkommen:

Spielplatz am Hotel Alpen-Royal

Im Vier-Sterne-Hotel Alpen-Royal in Jerzens sind Familien gut aufgehoben. Das mittelgroße Hotel liegt direkt an der Talstation der Hochzeiger-Bergbahnen, wobei man sich von dem Wort Talstation nicht täuschen lassen sollte: der Ortsteil Liß befindet sich bereits viele Höhenmeter und Serpentinen oberhalb des eigentlichen Ortes Jerzens. Auf dem Trampolin oder beim Schaukeln am Hotelspielplatz fliegt man hier tatsächlich beinahe über den Wolken.

Hotel Alpen-Royal
Liss 300, 6474 Jerzens
Tirol, Österreich
www.alpenroyal.at

 

Weitere Infos: Tourismusverband Pitztal
Unterdorf 18
A-6473 Wenns
Tel. +43 (0) 54 14 86999
www.pitztal.com