„Feministisch würde ich nicht sagen. Weil ich einen ganz, ganz tollen Mann habe und ich mag auch Männer.“, sagte Sängerin Sarah Engels kürzlich vor ihrem Eurovision-Song-Contest-Auftritt. Ein Satz, bei dem ich sofort wusste, warum Feminismus noch immer so oft falsch verstanden wird. Weil er ein Missverständnis offenlegt, das Frauen seit Jahrzehnten begleitet. Denn genau das begegnet auch mir im Alltag ständig: Sobald Frauen das Patriarchat kritisieren, männliche Gewalt benennen, die Abwertung weiblicher Lebensrealitäten nicht mehr höflich verpacken oder gar das Gendern wichtig finden, kommt irgendwann zuverlässig die Gegenfrage: Hasst du Männer? Als gäbe es nur diese beiden Möglichkeiten: Schweigen oder Männerhass. Aber Feminismus ist kein beleidigter Feldzug und keine pauschale Rundum Ablehnung von Männern. Er richtet sich auch nicht individuell gegen einen einzelnen Mann, nicht gegen den netten Partner, nicht gegen den liebevollen Vater …
Feminismus ist eine Absage an männliche Vorherrschaft. Er prangert ein System an, das über Jahrhunderte von Männern geprägt wurde und Frauen bis heute schlechter schützt, schlechter bezahlt, stärker sexualisiert und massiver gefährdet. Er richtet sich gegen eine patriarchale Ordnung, in der Männer über Jahrhunderte Macht, Deutungshoheit und gesellschaftliche Normen bestimmt haben und in dem männliche Perspektiven über Jahrhunderte als allgemeingültig galten und weibliche Lebensrealitäten bis heute nachrangig behandelt werden.
Wer so tut, als sei Patriarchatskritik automatisch Männerhass, macht es sich bequem. Denn dann muss man sich nicht mit den eigentlichen Missständen befassen. Nicht mit Femiziden. Nicht mit Partnerschaftsgewalt. Nicht mit sexueller Gewalt. Nicht damit, dass Frauen noch immer einen Großteil der unbezahlten Sorgearbeit tragen. Nicht damit, dass ihre Körper öffentlich bewertet, kommentiert und benutzt werden, als seien sie Allgemeingut. Und dann soll ausgerechnet die Feministin das Problem sein, weil sie zu deutlich spricht? Diese laute Feministin passt hervorragend in die Schublade der „daueraggressiven, penisneidischen, hässlichen, frustrierten, untervögelten Männerhasserin. Dieses alte Zerrbild ist vor allem eines: praktisch. Es macht Frauen lächerlich, die nicht mehr bereit sind, Ungerechtigkeit freundlich wegzulächeln. Es individualisiert, was strukturell ist. Und es verschiebt die Debatte. Plötzlich geht es nicht mehr um Gewalt, Macht und Ungleichheit, sondern um den Ton der Frau, die sie anspricht.
Ich jedenfalls weigere mich, diesen Trick weiter mitzuspielen. Ich kann Männer mögen und trotzdem das Patriarchat verachten. Ich kann meinen Partner lieben und dennoch kritisieren, dass unsere Gesellschaft männlich dominiert ist. Ich kann mich für Gleichwürdigkeit einsetzen, ohne irgendwem den Krieg zu erklären. Feminismus ist kein Kriegsfeldzug an Männer. Er ist eine Kampfansage an Unterordnung. Und vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn wir endlich aufhören würden, Frauen dafür zu verdächtigen, dass sie hassen würden, nur weil sie klar sehen. Der nächste Schritt wäre, dass Männer diesen Frauen einmal ernsthaft zuhören. Und wir Frauen dürfen stolz sein auf die Errungenschaften der letzten hundert Jahre Feminismus. Auf all das, was mutige Frauen vor uns eröffnet haben: Rechte, Freiheiten und neue Lebensmöglichkeiten. Wer sich heute Feministin nennt, steht nicht in einer peinlichen Schublade, sondern in einer stolzen Tradition. Von Uta Börger.
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