„Hure“, „Nutte“, „Fotze“ – diese Wörter fallen schnell. Im Streit, in Filmen, im Netz. Sie wirken beiläufig, fast schon harmlos. Und doch sind sie hochwirksam. Denn sie sind keine neutralen Beschimpfungen. Sie treffen Frauen dort, wo unsere Gesellschaft sie seit Jahrhunderten angreifbar macht: am Körper, an der Sexualität, an der Frage von Wert und Würde. Schimpfwörter für Frauen zielen selten auf Verhalten oder Charakter. Sie greifen nicht an, was eine Frau tut, sondern was sie ist – oder zu sein hat. Ihre Sexualität wird zur Waffe gemacht, ihre Lust zur Schande, ihre Sichtbarkeitzur Einladung für Abwertung. Es ist auffällig, wie konsequent diese Begriffe sexualisieren und entwürdigen. Und es ist kein Zufall.
Sexualität wird bei Männern anders gelesen. Ein Mann mit vielen Sexualpartnerinnen gilt als erfahren, als souverän, als begehrenswert. Er ist ein toller Hengst, es wertet seinen Status auf. Eine Frau mit demselben Verhalten wird abgewertet. Sie gilt als billig, schamlos, nuttig – Die Sprache zeigt die Bewertung. Dieselbe Handlung, zwei völlig unterschiedliche Urteile. Sprache macht diese Doppelmoral sichtbar, lange bevor sie diskutiert wird. Interessant wird es auch dort, wo Männer beschimpft werden. Denn auch hier taucht die Frau wieder auf. „Du Mädchen“, „Weichei“, „Hurensohn“. Der Mann wird nicht für sich herabgesetzt, sondern über die Nähe zum Weiblichen. Oder über die Abwertung einer Frau in seinem Umfeld. Die Beleidigung funktioniert nur, weil Frausein – oder das, was dafür gehalten wird – noch immer als minderwertig gilt. Weiblichkeit wird zur Schwäche erklärt, zur Kränkung, zum Angriffspunkt.
Das ist keine sprachliche Schlamperei. Es ist ein System. Sprache transportiert Machtverhältnisse, oft unbemerkt, aber äußerst zuverlässig. Sie zeigt, wessen Körper als Beleidigung taugt. Wessen Sexualität beschämt wird. Wenn ein Körperteil zur Beschimpfung wird, dann geht es nicht um ein Wort. Dann geht es um die Abwertung eines ganzen Geschlechts. Mädchen lernen früh, dass ihr Körper kommentiert, bewertet und angegriffen werden darf. Dass Lust riskant ist. Dass Sichtbarkeit Konsequenzen hat. Nicht unbedingt durch offene Gewalt, sondern durch Sprache, die sich leise und hartnäckig ins Denken einschreibt.
Ich glaube nicht, dass jede einzelne Person, die solche Wörter benutzt, Frauen bewusst abwerten will. Es ist ein gesellschaftliches patriarchales Thema. Denn ich glaube, dass wir alle eine Sprache verwenden, die Frauen klein hält – solange wir sie nicht hinterfragen. Wörter formen Bilder. Bilder prägen Selbstwahrnehmung. Und Selbstwahrnehmung beeinflusst Lebenswege.
Es geht nicht um Sprachverbote oder moralische Überlegenheit. Es geht um Bewusstsein. Um das kurze Innehalten vor dem nächsten Wort. Um die Frage, warum ausgerechnet Frauen so zuverlässig zur Beleidigung taugen. Und darum, diese Logik nicht länger mitzutragen. Vielleicht beginnt Veränderung genau dort. In der Entscheidung, Frauen nicht mehr sprachlich zu opfern, um andere zu treffen.
Von Uta Börger.
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