Ratgeber Familienalltag: Jede:r hat ein eigenes Tempo

Kinder liegen auf dem Sofa

Die Meisten werden es kennen: die Vokabeln für die wichtige Lateinklausur am nächsten Tag wollen einfach nicht im Kopf bleiben, sooft man sie auch wiederholt. Aber Liedtexte von Lieblingsliedern aus der Jugend sind auch Jahre später noch fehlerfrei abrufbar, mitsamt den passenden Tanzschritten und den Namen sämtlicher Bandmitglieder. Denn Singen und Tanzen macht einfach viel mehr Spaß als es Vokabellernen jemals könnte und obendrein hat man den Tanz aus eigenem Antrieb gelernt, ohne Druck von außen.

Fast alle Kinder haben irgendwann einmal „Probleme“ in Kindergarten oder Schule. Manche nur kurz, andere öfter oder länger. Viele Eltern werden dann von der Sorge geplagt, ihr Kind entwickle sich nicht altersgemäß oder könne nicht genug. Sie vergleichen sich und ihr Kind mit anderen und lösen damit völlig unbeabsichtigt eine Stresskaskade aus, die die Probleme meist nicht behebt, sondern eher verschärft. Denn Druck und Stress wirken sich auf die meisten Menschen negativ aus und gerade Kinder reagieren oft sehr sensibel in dieser Hinsicht.

Die Erziehungswissenschaftlerin und Buchautorin Anke Elisabeth Ballmann kann ein Lied vom desaströsen Einfluss der Schulen und Eltern auf das kindliche Lernverhalten singen: Einerseits gespeist aus eigenen Erfahrungen, aber noch viel eindrücklicher aufgrund ihrer langjährigen Tätigkeit als Expertin für kindgerechte Pädagogik, unter anderem als Gründerin und Leiterin des Lernmeers.

„Mein Kind kann schon …“
Die ständigen Vergleiche, die sich den Eltern ab Bekanntwerden der Schwangerschaft geradezu aufdrängen, hält sie aus mehreren Gründen für brandgefährlich: Erstens wird meist nur nach oben verglichen. Das heißt, man sieht nur, was andere besser können und setzt dies als Maßstab für die eigenen Fähigkeiten. Zweitens sieht man bei anderen oft nur das, was sie auszeichnet, denn das wird am fleißigsten nach außen kommuniziert. Gleichzeitig neigen Menschen dazu, an sich selber bzw. ihren eigenen Kindern vor allem das zu sehen, was als mangelhaft wahrgenommen wird. Daraus erwächst dann schnell ein Gefühl des nicht-Genügens und ein enormer Druck, „besser“ zu werden.

Im Wetteifern um das perfekte Elternsein lastet ein Großteil der Aufgabe auf den Schultern der Kinder, denn über ihren Erfolg oder eben auch Misserfolg definieren sich viele Eltern. Anstatt sich nach den eigenen Vorlieben zu einem selbstbewussten Individuum entwickeln zu dürfen, müssen allzu viele Kinder den Vorstellungen ihrer Eltern entsprechen und deren Träume leben.

Macht Können gücklich?
Diese Kinder, die Zeit ihres Lebens gepusht und gecoacht werden, um möglichst schnell alle wichtigen Meilensteine zu erreichen, tun dies vielleicht tatsächlich etwas früher als ihre Mitstreiter:innen. Aber führen sie deshalb ein glücklicheres Leben? Anke Elisabeth Ballmann zweifelt daran. Selbst wenn diese Kinder später genug Geld verdienen, um sich mit dem Kauf schöner Dinge zu belohnen, stiftet dies nur ein kurzfristiges Glücksgefühl. Wer jedoch als Kind erfahren hat, dass Lernen Freude machen kann, erlebt weitaus nachhaltigeres Glück. Eigene Lernfortschritte, und seien sie noch klein, tragen einen Menschen zufriedener durchs Leben als Erfolge, die nicht selbsterwirkt sind.

Wie kann Freude am Lernen vermittelt werden?
Der wohl größte Hinderungsgrund für Freude am Lernen ist Stress. „Kinder entwickeln sich nicht besser, wenn man sie drängt. Wenn Erzieher:innen und Lehrer:innen es schaffen, entspannter mit Kindern zu sein, wird es entspannter für alle Beteiligten!“, sagt Anke Elisabeth Ballmann. Sie sieht enormen Änderungsbedarf sowohl in Kindergärten als auch Schulen. Da das Bildungssystem jedoch nicht von heute auf morgen grundlegend verändert werden kann, rät sie auch den Eltern zu mehr Gelassenheit in Bildungsbelangen: „Schule ist ein Teil des Lebens, aber eben nicht das Leben!“

Anke Elisabeth Ballmann sieht das Ziel jeder Erziehung darin, Kinder als Individuen großzuziehen und zu sehen. Gleichzeitig sollte diesen heranwachsenden Individuen eine Wertschätzung für all die anderen Individuen vermittelt werden. Wenn alle Menschen sich gegenseitig respektieren, können alle Menschen so sein, wie sie sind. Das würde nicht nur den Einzelpersonen, sondern auch der globalen Gesellschaft eine Menge Konflikte ersparen.

Wachstum braucht Zeit
Ein solches Wachstum braucht Zeit und Anke Elisabeth Ballmann ist der Ansicht, Eltern sollten Vertrauen in das individuelle Entwicklungstempo ihrer Kinder haben und das Konkurrenzdenken mit seinen ständigen Vergleichen aktiv über Bord werfen. Je mehr Freiräume den Kindern gelassen werden, je häufiger sie ohne die Einmischung von Erwachsenen spielen dürfen, desto eher werden sie ihre eigenen Stärken kennenlernen und eine Freude am Lernen entwickeln, von der sie ihr ganzes Leben lang profitieren können. Ob das zum Abitur führt oder nicht, findet Anke Elisabeth Ballmann nebensächlich. Denn eine Gesellschaft braucht nicht nur die studierten Theoretiker:innen, sondern ebenso sehr die ausgebildeten Praktiker:innen. Zentrales Anliegen der Eltern sollte sein, dass ihre Kinder eigene Interessen ausbilden und die Wege verfolgen, die sie begeistern. Auch wenn das bisweilen Umwege bedeuten kann: ein auf Interessen gegründeter, kurviger Bildungsweg ist für die Persönlichkeitsentwicklung und damit nicht zuletzt auch auf dem Arbeitsmarkt viel mehr wert als ein von Eltern und Nachhilfelehrer:innen geebneter Werdegang. (mb)

INFO:
Anke Elisabeth Ballmann: Expertin für kindgerechte Pädagogik und Autorin mehrerer Bücher zum Thema. Sie kennt sowohl die Perspektiven der Familien als auch die der Kindergärten und der wissenschaftlichen Theorie.

Sie hält regelmäßige Fort- und Weiterbildungen, coacht und supervidiert Pädagog:innen. Seit bald 30 Jahren setzt sie sich nicht nur in ihrem Lernmeer Institut für kindgerechtes Lernen ein.

www.lernmeer.de

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