Ratgeber Familienalltag: Mission Possible – Eltern in Trennungssituationen

Was Eltern in Trennungssituationen für ihre Kinder tun können – wie eine positive Trennung gelingt

Wenn Beziehungen mit Kindern zerbrechen, scheint der Boden unter den Füßen wegzubrechen.
„Kann es jemals wieder gut werden?“, fragen sich Betroffene. Ja, sagen Diplom-Psychologin Christa Miller, Anwältin Elisabeth Pfleger und zwei Betroffene. Ein kleiner Leitfaden für schwere Zeiten.

Vier Jahre ist es nun her, dass sich liesLotte-Leserin Anne* und ihr Mann einvernehmlich getrennt haben. Heute seien sie, ihr Ex-Partner und die zwei Kinder glücklich mit ihrer Situation, sagt Anne. Wer sich mitten in einer Trennung befindet, hält so eine Aussage kaum für möglich, aber sie ist es: auch getrennte Eltern können eine zufriedene Familie haben. Dennoch bedeutet eine Trennung zunächst eine schwere Zeit. Ganz lässt sich das nicht vermeiden, aber es gibt Dinge, die einen Unterschied machen. „Im Vordergrund steht bei Kindern an allererster Stelle das Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung. Und genau das ist natürlich im Trennungsfall bedroht – bei Kindern wie bei Eltern“, sagt Diplom-Psychologin Christa Miller von der AWO. „Dennoch sollten Eltern im Sinne des Kindeswohls alles versuchen, um ihrem Kind Sicherheit zu geben.“ Anne erzählt: „Den Kindern haben wir die Trennung damals vorsichtig, aber ehrlich und auch klar erklärt.
Mit der Botschaft: ‘Wir werden euch immer lieben und für euch immer gute Eltern sein, auch wenn sich Mama und Papa nicht mehr lieben.’“

Klarheit gibt Sicherheit

Wie schafft man das? Miller rät Eltern eindringlich dazu, im Vorfeld, also bevor sich eine Trennung tatsächlich räumlich vollzieht, so Vieles wie nur irgend möglich miteinander zu regeln und zu klären. So hielten es auch Anne und ihr Ex-Partner: „Wir haben die klassische Regelung mit jedem zweiten Wochenende bei Papa eingeführt mit anfangs schwierigen Übergaben. Was waren die Kinder innerlich zerrissen, anklammernd, wütend und traurig. Und wir Eltern erstmals unsicher, ob sich das alles irgendwie einspielt. Wir haben dann den Kindern anhand eines Plakats dargestellt, wann Papa- und Mamawochenenden sind. Gefühlt war diese Verlässlichkeit total wichtig für die Beiden. Und diese Klarheit an den Übergabetagen mit einer liebevollen, kurzen Verabschiedung und einer doch schnellen Übergabe.“ Auch Leserin Verena* erzählt, dass diese Klarheit für ihr Kind von enormer Bedeutung war: zu wissen, wann es bei wem sein wird oder wer es abholt. Intensive Kommunikation zwischen den Ex-Partnern verhinderte Verena zufolge auch, dass die Eltern gegeneinander ausgespielt werden können. Dabei ist diese Kommunikation kein reines Elternprivileg: „Nach dem Umzug hat unser Kind täglich mit Papa oder Mama telefoniert, je nachdem wo es gerade war.“

Hilfe in Anspruch nehmen für eine gute Kommunikation

Eine Trennung hat immer Gründe. Oft ist es gerade die Kommunikation, die schwer fällt, obwohl sie nun besonders notwendig wäre. Daher empfiehlt Christa Miller, sich bei neutralen Personen und Anlaufstellen Hilfe zu suchen, wenn der Freundeskreis zu starker Parteilichkeit neigt, was den Prozess empfindlich stören kann. Verena und ihr Ex-Partner baten ihrem Kind zuliebe sogar aktiv im Freundeskreis und in der Familie darum, dass nicht schlecht über den jeweils anderen geredet wird. Wer hier noch im Zwist liegt, den können Beratungsstellen und ein wachsendes Kursangebot unterstützen, die eigenen Gefühle aufzufangen und letztlich zu verarbeiten. Familienanwältin Elisabeth Pfleger betont, wie wertvoll es ist, wenn „beide Elternteile akzeptieren, dass die Kinder möglichst unbelasteten Kontakt mit beiden Elternteilen haben sollten. Für die Kinder ist es dann besonders schön, wenn sie die tollen Erlebnisse, die sie während der Zeit mit einem Elternteil bei Umgangskontakten haben, dem anderen Elternteil erzählen können und sich dieser Elternteil hierüber mit freuen kann.“ Auf keinen Fall sollten Kinder in einen Loyalitätskonflikt geraten. „Je mehr und intensiver die Elternteile sich über alles, was die Kinder betrifft, informieren, umso besser. Sobald die Kinder merken, dass sich die Eltern nicht auf dem Laufenden halten, kann dies sogar dazu führen, dass die Kinder dies nutzen, um die Eltern bewusst oder unbewusst gegeneinander auszuspielen, was freilich ein neuer Konfliktherd zwischen den Elternteilen sein kann. Aus meiner Erfahrung heraus ist es gut, wenn die Eltern viel miteinander sprechen, was die Kinder anbelangt.“ Aber auch Details wie die umfassende Klärung der Finanzen können späterem Streit vorbeugen. So berichtet Verena, dass sie die Unterhaltsleistungen sowie den Kiga-Zuschuss zu Beginn von der gemeinsamen Anwältin ausrechnen ließen, „so dass keiner zuviel oder zu wenig zahlt bzw. erhält.“

Authentizität gibt Sicherheit

Wie können Eltern Trost spenden, wenn sie selbst gerade trauern und nicht wissen, wie es weitergeht? Denn es kommt das große Vermissen, Wut und Trauer, aber auch Überforderung – auf allen Seiten, bei Kindern wie Eltern. „Im Verlauf haben wir viele Fragen der Kinder ehrlich beantwortet – wir haben sie nie angelogen, sondern klar und liebevoll Dinge erklärt. Wir haben die Beiden getröstet, wenn sie geweint haben – wir haben die Wut akzeptiert und versucht, sie aufzufangen.“ Um die Kinder so halten zu können wie Anne es erzählt, bedarf es keiner Lügen – im Gegenteil, Lügen lassen Kinder unsicher zurück. Auch Verena erzählt, dass es Zeiten gab, wo viele Tränen geflossen sind: „Teilweise saßen wir zu dritt da und haben geweint.“ Heute ist ihr Kind ein „sehr ausgeglichenes, super selbstbewusstes, selbstständiges und fröhliches Kind, dem man laut den Erzieherinnen im Kindergarten ’die Trennung in keinster Weise’ anmerkt.“

Veränderungen brauchen Zeit

Christa Miller meint dazu: „Kinder haben feine Antennen, sie kriegen mit, wie es uns geht. Deshalb sollten wir unsere Gefühle nicht verstecken. Wir können sagen: ’Ich bin traurig, aber ich sorge für mich.’“ Dazu gehört das Wissen darum, dass es in Ordnung ist, wenn es einem nicht gut geht. Ja sogar normal: „Eine Schwierigkeit ist, dass viele den Zeitraum zu kurz setzen, in dem sie sich Übergangsschwierigkeiten zugestehen. Erfahrungsgemäß sind es circa zwei Jahre, bis sich alles eingespielt hat, nicht vier Wochen.“

Gegenseitige Wertschätzung und Unterstützung

Für Kinder ist aber auch von unschätzbarem Wert, wenn Eltern die Schuldfrage über Bord werfen. Hier, so Miller, sei gegenüber den Kindern besser, die subjektive Wahrheit für sich zu behalten und zu erklären, dass man sich als Paar nicht mehr versteht, auch, wenn man noch Groll verspürt. Noch wichtiger ist allerdings, zu vermitteln, dass die Trennung nicht Schuld der Kinder ist. Den Kindern zuliebe sollten sich Betroffene die Unterstützung zu holen, die es braucht, um zu einem Zustand gegenseitigen Respekts zu finden. Anne und ihrem Ex-Partner ist das gelungen: „Der Papa und ich respektieren uns, wie wir als Menschen sind. Wir haben zwei tolle Kinder auf die Welt gebracht. Und keiner von uns möchte diese Zeit zurückdrehen oder löschen. Ich erfahre Dankbarkeit vom Papa, dass ich den Alltag mit den Beiden so gut manage, obwohl er anstrengend und einfach sehr voll ist. Und ich bin dankbar, dass es die Papa-Wochenenden gibt und ich mich auf den Papa voll und ganz verlassen kann. Ich weiß, wenn Not am Mann ist, wäre er da. Wir sind ein gutes ‚Eltern-Team‘ und unsere Kinder konnten sich immer auf uns verlassen.“ Verena berichtet ähnliches: auch ihre Beziehung sei heute geprägt von Respekt. Auch sie und ihr Ex-Partner könnten sich aufeinander verlassen, träfen wichtigen Entscheidungen gemeinsam und feierten besondere Anlässen zusammen.

Verantwortung für die Kinder übernehmen

Nach den Gründen für das Gelingen ihrer Trennung gefragt, überlegt Verena: „Die eigenen Emotionen dürfen für das Wohlbefinden des Kindes keinerlei Einfluss haben. Es ist wichtig, klar miteinander zu kommunizieren, gegenseitig zu informieren und gemeinsam zu organisieren und dem Kind somit Sicherheit zu geben, aber eben auch klare Regeln aufzuzeigen. Für uns beide ist unser Kind das Wichtigste.“ Auch Anne meint: „Das Wohl unserer Kinder ist uns einfach sehr wichtig. Letztlich sind sie nicht schuld daran, dass es zwischen uns auf partnerschaftlicher Ebene nicht mehr geklappt hat. Wir wollen den Kindern vermitteln, dass wir gute Eltern sind, die an einem Strang ziehen. Dass sie sich auf uns verlassen können und dass wir sie lieben, so wie sie sind. Dass wir auch tolle, gemeinsame Momente als „Familie” verbringen können, ohne dass wir als Eltern zusammen sind.“ (jb)

Buchtipp: Nur Mut!
Wie können Eltern und Kinder gestärkt aus einer Trennung hervorgehen? Wie die richtigen Weichen stellen, wenn man noch mit den eigenen verletzten Gefühlen zu kämpfen hat? Die erfahrene Familienpsychologin Marianne Nolde hat mit vielen Trennungsfamilien gearbeitet und selbst eine Scheidung erlebt. Aus ihrem Wissen wurde ein wahres Mutmach-Buch für Trennungseltern: kompetent, verständnisvoll und persönlich im Ton. Marianne Nolde: „Eltern bleiben nach der Trennung. Was Ex-Partner für sich und ihre Kinder wissen sollten“
Knaur Verlag, 192 Seiten, ISBN 978-3-426-21473-2, 16,99 €

DIPL.-PSYCHOLOGIN CHRISTA MILLER
Familientherapeutin und Leiterin der AWO-Erziehungsberatungsstelle
berät Eltern in Erziehungs- und
Trennungsfragen. Frölichstr. 16, Augsburg.
Offene Sprechstunde: Haus der Familie, Goethestr. 12,
Stadtbergen, Do: 14 – 15 Uhr, außerhalb der Ferien,
Tel.: 0821 / 430 01 53, www.awo-haus-der-familie.de


ELISABETH PFLEGER
Rechtsanwältin und Fachanwältin für Familienrecht,
Frauentorstr. 51 a, Augsburg,
Tel.: 0821 / 328 77 555, www.elisabeth-pfleger.de

 

 

Info:  KURS FÜR GETRENNTE ELTERN „KINDER IM BLICK“
Im K.I.B.-Kurs erlernen getrennte Eltern in separaten Gruppen an sieben Abenden den Umgang mit dem eigenen Stress, mit Kindern unter Belastungssituationen und mit dem Ex-Partner.
Frühjahrskurs: 7 x ab 25.03., 18 Uhr, Herbstkurs ab 05.10.
Treff: KJF Erziehungsberatungsstelle, Gartenstr. 4, Augsburg,
Veranst.: AWO, Evangelische Beratungsstelle, KJF,
Anm. eb.augsburg@kjf-kjh.de, 30 €