Ratgeber Familienalltag: Väter heute

In kinderlosen Beziehungen funktioniert die gleichberechtigte Aufteilung des Haushalts meistens noch ganz gut. Dann kommt das erste Kind und die Ungleichheit hält Einzug: stillen kann höchstens die Mutter, sie hat meistens auch den leichteren Schlaf und durch den Mutterschutz und die intensive Zeit in den ersten Wochen, versteht sie meist auch schneller, was das Baby möchte. Abgesehen vom Stillen gibt es jedoch nichts, was Väter nicht in kurzer Zeit genauso gut lernen könnten wie Mütter!

Die Rolle des menschlichen Vaters ist einmalig und bei keiner anderen Spezies ist ihre Wirkung so entscheidend, schreibt Anna Machin in ihrem erkenntnisreichen Sachbuch „Papa werden“ und stellt fest: Das „Vatersein sei ein Verhalten, ohne das es unsere Art schlichtweg nicht mehr geben würde.“ Dennoch spielten die Väter hierzulande jahrhundertelang eine deutlich untergeordnete Rolle im Familienalltag und auch heutzutage gibt es nur wenige Familien, in denen zwei oder mehr Elternteile gleichberechtigt agieren.

Um den „modernen Vater“ soll es also gehen, der zurzeit in aller Munde ist und dem durch die pandemiebedingte Familienzeit ganz neue Erkenntniswelten geöffnet wurden: „Mann“ sah, staunte, war gestresst – und schrieb darüber. Gab Interviews, wie das geht mit der aktiven Vaterschaft und der Vereinbarung. Plötzlich wurde das Thema „Mental Load“ für viele Väter erstmals greif- und spürbar. Einkaufszettel, Küche putzen, Wer-darf-wann-im Home-Office-arbeiten-und-wer-betreut-heute-die-Kinder-Diskussionen. Die beruflich oft schon selbstverständliche Gleichberechtigung hält nach und nach Einzug in die Familien. Eine weitere Ursache hierfür sieht Autor und Coach Sven Golob aber auch in der Beschleunigung der Lebens- und Arbeitswelt: „Viele Männer erleben immer weniger Stabilität und Erfüllung ausschließlich im Beruf und sehnen sich nach mehr Verantwortung in der Begleitung ihrer Kinder – sozusagen um am „echten“ Leben so viel wie möglich teilzuhaben.“

Hilfreich ist in dieser Hinsicht natürlich auch, dass Männer zunehmend mit den patriarchalen Strukturen und den dazugehörigen Rollenklischees hadern. Sven Golob meint, sie „entdecken eben neue, selbstbewusste Männlichkeit für sich. Und dazu gehört, ein präsenter, aktiver Vater zu sein.“ Da Rollenvorbilder fehlen, ist die Umsetzung dieses Ideals für ihn ein ständiger Prozess des Ausprobierens. Das ist zwar anstrengend, ermöglicht aber auch jeder Familie, individuell passende Lösungen zu finden.

Macht keinen Sinn, ist aber total geil
„Ich bin richtig gerne Vater. Es ist auch anstrengend und nervt, und es macht vorne und hinten keinen Sinn, ich kann das alles wirklich überhaupt nicht empfehlen. Es ist wie Pommes und Currywurst: Macht eigentlich keinen Sinn, ist aber total geil,“ antwortete der Rapper Danger Dan in einem Interview* und spricht damit vermutlich vielen „modernen“ Vätern aus der Seele. „Woran erkennt man einen guten Vater?“, fragte unlängst das Magazin „Men‘s Health“** und bekam selbstbewusste, aber auch zögernde Antworten. Was ist das überhaupt, ein guter Vater? Dafür gibt es wohl so viele Lösungen wie Familien.

Rollentausch immer noch selten
Holger Wallitzer-Eck hat vor vielen Jahren mit seiner Frau die „Rollen getauscht“. Während er zuhause blieb, arbeitete Ehefrau Christiane Eck in Vollzeit als Lehrerin. Nach einem Jahr Elternzeit entschied er sich, ganz auszusteigen. „Unser bisheriges Familienmodell hat uns allen sehr gutgetan. Meine Frau wurde nochmal schwanger. Unser Sohn kam zur Welt. Die lange vorher getroffene Entscheidung, dass nicht beide arbeiten, hatte sich als stimmig herausgestellt.“

Bleiben Mütter auch nach der Elternzeit zuhause, ist dies für ihre Umwelt in erster Linie eine private Entscheidung, normal eben, „wer es sich leisten kann…“ Aber bei einem Mann? „Die Reaktionen meines Umfeldes damals waren sehr unterschiedlich, aber überwiegend positiv. Großartige Reaktionen erhielt ich, wenn ich mit meiner Tochter im Wickeltuch zum Einkaufen gegangen bin. Vorwiegend ältere Damen fanden das richtig prima und äußerten das auch.“

Seit 2007 haben Väter in Deutschland das Recht, in Elternzeit zu gehen und damit, auch nur für ein paar Monate, die Rollen zu tauschen. Aber nur jeder zweite Vater nahm und nimmt es in Anspruch. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) ergab: Viele fürchten finanzielle Verluste und einen Karriereknick. Dabei haben Väter heute zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit tatsächlich die Möglichkeit, von Anfang an dabei zu sein – beim Abenteuer Kind. Unser Wohlstand, ein engmaschiges soziales Netz, bietet die besten Voraussetzungen.

„Das Thema finanzielle Abhängigkeit war zum Glück nie eines bei uns“, erzählt Holger Wallitzer- Eck. „Das hat etwas mit gegenseitiger Würdigung und Respekt zu tun. Ich wünsche den Frauen, die den Familienjob machen, dass sie von ihren Männern auch die angemessene Anerkennung und Gleichwertigkeit erfahren, wie ich es von meiner Frau erhalte. Wir sind ein gutes Team.“

Geteilter Haushalt, geteiltes Leid?
Wenn beide Elternteile berufstätig sind, müssen die Haushaltsaufgaben anders verteilt werden. Dies birgt selbstverständlich ein gewisses Konfliktpotential. Je nach Situation kann es daher vorteilhaft sein, klare Zuständigkeiten abzustecken. Aufgrund der schwankenden Arbeitszeiten haben sich Sven Golob und seine Frau gegen feste Regelungen entschieden, die Haushaltsaufgaben werden regelmäßig besprochen: „Als besonders hilfreich hat sich für uns ein Wochenplan herausgestellt, in dem wir eintragen, wer wann was macht.“ Wie in beinahe allen Beziehungsfragen gilt auch hier: eine gute Kommunikation bildet den Grundstein.

Sven Golob glaubt daran, dass die Gesellschaft erkennen wird, welchen Mehrwert ein gleichberechtigtes Miteinander hat. „Darin liegt für mich der Schlüssel zu einer glücklichen, gemeinschaftlichen Zukunft, in der insbesondere Männer frei sein können, zu werden, wer sie eigentlich schon sind: Menschen mit allen Gefühlen, Bedürfnissen und Träumen.“ Dann können Familien unabhängig von gesellschaftlichen Vorurteilen und Erwartungen entscheiden, welche Aufteilung für sie am besten ist.

Vater-Kind-Beziehung von zentraler Bedeutung
Zurück zu Anna Machin und ihren soziologischen Überlegungen zur komplizierten Geschichte der Vaterschaft. Die Autorin untersucht Familienkonstellationen in bäuerlichen und industrialisierten Gesellschaften, betrachtet konservative oder freie Familienformen und zitiert zahlreiche Studien zur Funktion des Vaters in diesen unterschiedlichen Gemeinschaften wie hohen indischen Kasten, bei kongolesischen Jägern und Sammlern oder auch Wirtschaftsanwälten aus Boston. Überall gebe es einen gemeinsamen Nenner: Die Vater-Kind-Beziehung sei für Kinder die Quelle der Individualität und Autonomie und letztlich des gelungenen Lebens.

Übrigens: Mit „Vater“ meint die Autorin dabei nicht ausschließlich den Erzeuger und noch nicht einmal unbedingt einen Mann, sondern ganz einfach ein zugewandtes Familienmitglied, das bereit ist, die Vaterrolle anzunehmen. Die positive Wirkung von Vätern entfalte sich auch nicht, weil sie besonders männlich agieren. Sondern weil sie die gleichen elterlichen, beschützenden, umsorgenden Qualitäten haben und einsetzen können wie Mütter.
(Bettina Wolf  / Marlina Briest)

PODCAST-TIPP: HAUSMANNSKOST
In ihrem Podcast „Hausmannskost“ begeben sich Florian Sußner und Sven Golob gemeinsam auf die Suche danach, was Männlichkeit heute eigentlich ausmacht. Dabei entdecken sie ganz unterschiedliche Konzepte und Möglichkeiten, wie Männer- und Vaterrollen gelebt werden können und versuchen sich selbst und auch ihre Hörer von bewussten und unbewussten Geschlechtervorstellungen zu befreien, um die persönliche Vaterrolle zu finden.
www.hausmannskost.show

* Rapper Danger Dan im Interview – 31.08.2018 – www.faz.net
**Woran erkennt man einen guten Vater? – 14.04.21 – www.menshealth.de

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