Kindesmissbrauch. Grausame Realität. Wie sicher sind unsere Schulen?

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Die Vorsitzende des Kinderschutzbundes Augsburg Nazan Simsek über wirksame Missbrauchsprävention

Der Prozessauftakt gegen den pädophilen Augsburger Kinderarzt und das Eindringen eines Mannes in die Wittelsbacher Schule haben bei Eltern zum Aufruf geführt, Politik und Schulen sollen
ihre Sicherheitskonzepte verschärfen. Sicherlich ist ein gewisses Maß an Sicherheit an Schulen geboten, allerdings stellen Übergriffe durch pädophile Fremdtäter statistisch sehr seltene Ausnahmefälle dar. In der Regel erleben Kinder Übergriffe in ihrem sozialen Nahraum: in der eigenen Familie, in der Verwandtschaft und Nachbarschaft, in Vereinen oder in pädagogischen Beziehungen.

Daher lautet die Frage, wie Kinder effektiver vor sexuellen Übergriffen geschützt werden können, ohne ihnen das Gefühl zu vermitteln, laufend einer Bedrohung ausgesetzt zu sein.
Wichtig ist vor allem, dass sich ein Kind in oder nach einer bedrohlichen Situation zu Wort meldet und dass es auf Erwachsene trifft, die es ernst nehmen und beschützen.

Was können Eltern tun, um Kinder bestmöglich zu stärken?
Die Vorsitzende des Kinderschutzbundes Augsburg, Frau Nazan Simsek, appelliert: „Kinder sollten auf Augenhöhe erzogen werden, sodass sie Selbstbewusstsein und das Gefühl von Selbstwirksamkeit entwickeln können: Das beinhaltet insbesondere selbstbestimmten Körperkontakt. Will das Kind keine Umarmung, keine körperliche Nähe, sollte diese nicht aufgedrängt werden. Auch wenn Kinder Regeln und Grenzen brauchen – Erziehung basiert auf Dialog und nicht auf unbedingtem Gehorsam. Kinder sollten wissen, dass ihre Bedürfnisse Gehör finden. Es ist wichtig, die Gefühle der Kinder zu achten, negative Gefühle genauso wahrzunehmen und anzuerkennen wie positive. Kinder brauchen Geborgenheit und die Gewissheit, in allen Lebenslagen zu ihren Eltern kommen zu können. Sie brauchen Zuwendung, um nicht nach der Zuwendung anderer zu dürsten.

Kinder sind Persönlichkeiten und haben das Recht, sich unabhängig von ihrem Geschlecht äußern zu dürfen. Auch Jungen dürfen weinen, Schmerz ausdrücken und empfinden, so wie Mädchen sich lautstark wehren und Nein sagen dürfen. Eltern sollten auch die Gefahren des Internets nicht unterschätzen, so werden zum Beispiel im Falle von Cyber-Grooming Kinder oder Jugendliche online angesprochen und umschmeichelt, um sie später zu missbrauchen. Deutlich gestiegen ist die Zahl der Fälle von Besitz, Herstellung oder Verbreitung kinderpornografischen Materials, auch hier mit einem hohen Dunkelfeld. Der beste Schutz liegt daher primär in einer kindswohlgerechten Erziehung und der Prävention durch Aufklärung. Das heißt, mit Kindern über mögliche Gefahren so zu sprechen, dass diese wissen, auf was sie achten sollen und wie mit Ereignissen umzugehen ist, wenn sie passieren. Dabei ist es wichtig, mögliche Handlungen zu benennen, den Täterkreis nicht auf den Fremdtäter zu verengen, das Kind zum Weitersagen bei Unbehagen und erfolgten Übergriffen zu ermutigen und die Schuld eindeutig dem Täter zuzuweisen. Die Kindheit ist prägend und traumatische Ereignisse schlagen sich in der Persönlichkeitsentwicklung nieder. Es bedarf daher fortlaufender Präventionsarbeit, der unermüdlichen Aufklärung, des Austausches und der konstruktiven und effektiven Zusammenarbeit aller beteiligten Stellen. Jedes einzelne Kind, dem Gewalt und Missbrauch widerfährt, ist ein Kind zu viel.

Die „Anlaufstelle für Kinderschutz“ beim Augsburger Kinderschutzbund bietet zu diesem Thema regelmäßig Vortragsveranstaltungen und Elternabende in Kindertagesstätten und Schulen. An die Anlaufstelle können sich alle Personen wenden, die sich um ein Kind Sorgen machen, unter der Telefonnummer: 0821 / 45 54 06 21.