SISTERHOOD: Solidarität ist unsere Frauenpower

Grafik Sisterhood Adobe Stock Maria Skrigan

Vor einigen Tagen hörte ich eine Reportage über China. Dort ziehen alleinerziehende Mütter zusammen in eine WG. Sie teilen Miete, Kinderbetreuung, Hausarbeit, Wege. Aus der Not wird dort etwas Kluges: ein neues Alltagsmodell. Frauen finden tragfähige Strukturen miteinander neu. Dort, wo die traditionelle Familie nicht schützt, entsteht Frauen-Solidarität als soziale Infrastruktur. Das hat mich stark beeindruckt.

Dann erinnerte ich mich: Auch in Westdeutschland haben Frauen schon einmal mutig kollektive Räume aufgebaut: Ende der 1960er entstanden die ersten Kinderläden als alternative, von Eltern getragene Betreuungsorte. In den 1970ern folgten Frauenzentren und feministische Frauengesundheitszentren – Orte des Wissens, der Hilfe, der Selbstermächtigung. Aus meiner Sicht ist es Zeit für uns Frauen, solch kollektive solidarische Netzwerke erneut aufzubauen. Denn wir Frauen und Mütter sind im Moment an einem absoluten Tiefpunkt der kollektiven Erschöpfung angekommen, so scheint mir. Wir tragen den größten Teil der Care-Arbeit, organisieren Kinder, Termine, Gefühle, Wäsche, Essen, Geburtstage, Ärzt:innenbesuche und das unsichtbare Drandenken. Noch immer funktionieren viele Mütter nur deshalb, weil sie sich bis an die Grenze verausgaben. Das ist kein Naturgesetz. Es ist eine patriarchale Strategie. Die Kleinfamilie gilt dabei bei uns als Ideal, doch in Wahrheit ist sie oft ein perfektes System, um Frauen zu isolieren, zu überlasten und kleinzuhalten. Unsere Frauen-Solidarität könnte nun die unsichtbare Gegenmacht dazu werden. Wahlfamilien, Mutter-Bündnisse und solidarische Alltagsgemeinschaften könnten tragfähige Zukunftsmodelle für uns Frauen werden, denn wenn Frauen sich zusammentun, holt es uns heraus aus der Isolation und Überforderung.

Wie könnte das konkret aussehen? Zwei Alleinerziehende wohnen zusammen. Drei Mütter wechseln sich mit dem Abholen der Kinder ab. Eine kocht, eine kennt sich mit Anträgen aus, eine hilft bei Mathe, eine ist Gartenprofi . Babysachen, Kleidung, Zeit, Wissen und Kraft werden geteilt. Es entstehen Notfallketten für Krankheitstage, feste Fahrgemeinschaften, Kochgemeinschaften, Tauschkreise für Dinge und Talente, Frauen-WGs mit Kindern, generationenübergreifende Bündnisse zwischen jüngeren und älteren Frauen. Nicht jede muss alles können. Aber viele können gemeinsam viel tragen. Wer könnte mit wem etwas teilen? Zeit, Raum, Kinderbetreuung, Wissen, Geld, Können, Rückhalt? Solidarität ist unsere Kraft. Frauen haben einander immer schon getragen – durch Krisen, Verluste, Brüche und Zeiten, in denen nichts tragfähig war. Vielleicht haben wir nur verlernt, wie viel Stärke darin liegt. Es ist Zeit, uns daran zu erinnern – und neue Formen dafür zu finden.

In mir wächst seit Wochen die Vision, genau das in Augsburg aufzubauen: Ein lokales Frauennetzwerk, in dem Frauen sich gegenseitig unterstützen, verbinden, entlasten und stärken. Ich glaube, dass darin eine enorme Power liegt. Was könnte entstehen, wenn wir uns wieder mehr zusammentun? Alle Frauen, die das anspricht, dürfen mir gern schreiben. Ich habe noch keinen fertigen Plan. Aber ich habe einen starken Impuls. Und manchmal beginnt etwas Großes genau so: indem einige Frauen den Mut haben, sich auf den Weg zu machen. Gemeinsam.

Uta Börger: uta@lieslotte.de

Grafik: Adobe Stock Maria Skrigan