Start ins Leben: Nur ein Hauch von Leben

Arzt hält Patient die Hand

Anja ist in der elften Woche schwanger und sieht hoffnungsvoll auf den Ultraschallmonitor. Ihre Frauenärztin sagt: „Es tut mir leid, da ist kein Herzschlag mehr“. In dem Moment steht für Anja die Zeit still. Zwischen Hoffnung und Verzweiflung liegt nur dieser eine Satz. Der emotionale Absturz ist schrecklich.

Viele Schwangerschaften enden, bevor das Kind lebensfähig ist. Am größten ist das Risiko bis zur 12. Schwangerschaftswoche. Viele Paare verschweigen also erst einmal, dass sie ein Kind erwarten. Die Gründe dafür sind nachvollziehbar, beispielsweise im Büro nicht von der Schwangerschaft zu erzählen. Damit vermeidet man das Risiko, möglicherweise auch dort vom vorzeitigen Ende der Schwangerschaft berichten zu müssen. Fehlgeburten sind kein schönes Gesprächsthema. Obwohl sie häufig vorkommen, wird darüber geschwiegen. Woher kommt diese Sprachlosigkeit? Die Medizin kann Fehlgeburten trotz aller Forschung nicht verhindern.

Schwanger zu sein, heißt noch nicht, nach neun Monaten ein Baby im Arm zu halten. Vielleicht fällt es uns schwer, diese Tatsache zu akzeptieren. Vielleicht haben wir keine Worte für Tod und Trauer, wir wissen einfach nicht, was wir sagen sollen. Wenn eine Person stirbt, gibt es eine Trauerfeier, das Leben des Verstorbenen wird gewürdigt. Beileidsbekundungen werden ausgesprochen und Unterstützung wird auf jede erdenkliche Weise angeboten.

Wie einsam ist dagegen die Trauer um ein nicht geborenes Kind, mit wie wenigen Menschen kann man sie teilen. Man bekommt gesagt: „Das passiert oft, es hat doch noch nicht richtig gelebt. Du kannst doch bald wieder schwanger werden!“ Tröstend gemeint ist es sehr verletzend, weil es die Verzweiflung der Frau wegwischt. Die Umwelt verliert schnell die Geduld und meint, dass es jetzt doch mal vorbei sein muss mit der Trauer!

Nicht nur Trauer, auch Schuldgefühle können ein Thema sein: „Habe ich mich irgendwann doch falsch verhalten?“ Das Vertrauen in den eigenen Körper, dass er schon so funktioniert, wie er funktionieren soll, geht verloren. Oder solche Gedanken kommen: „Ich ernährte mich gesund und habe alles befolgt, warum stößt das gerade mir zu?“.

Ohnmacht, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Verunsicherung, das Gefühl, die Steuerung über sein Leben zu verlieren: Die psychischen Belastungen sind nicht zu unterschätzen. Viele Menschen können besser mit Situationen umgehen, wenn sie wissen, warum etwas passiert ist. „Ich hätte so gerne den Grund gewusst, warum das Baby in meinem Bauch starb, denn dann könnte ich vielleicht bei der nächsten Schwangerschaft etwas dagegen tun“. Aktiv und selbstwirksam zu sein, vermindert oft Gefühle der Angst und des Ausgeliefertseins. Aber wie damit umgehen, wenn es keine eindeutige Ursache gibt? Was hilft, die Angst bei einer zukünftigen Schwangerschaft auszuhalten?

Der Austausch mit anderen Menschen kann unterstützen, vor allem, wenn die Gesprächspartner:innen ähnliches erlebt haben. Es gibt Internetforen (Stichworte: Schmetterlingskinder, Initiative Regenbogen, Sternenkinder) und Selbsthilfegruppen vor Ort. Beratungsstellen für Schwangerschaftsfragen unterstützen professionell, Verluste und damit einhergehende Krisen zu bewältigen.

Anja sagte im Beratungsgespräch „Ich werde den errechneten Geburtstermin und die liebevolle Zukunft, die ich mir vorgestellt hatte, niemals vergessen.“ Wohin mit all der Liebe und der Bindung, die die Frau schon vom ersten Moment an zu dem kleinen Wesen in ihrem Bauch aufgebaut hat? Eine schöne Idee ist es zum Beispiel, Erinnerungen zu schaffen und den liebevollen Gefühlen einen kreativen Ausdruck zu geben, – wie auch immer – ein Schatzkästchen der Erinnerung zu kreieren.

INFO:
Hanna Weißbeck
Schwangerenberaterin, Dipl. Sozialpädagogin (FH),
system. Paar- und Familientherapeutin
pro familia Augsburg e.V.
Tel.: 0821 / 45 03 62-0

www.profamilia.de

Foto: Adobe Stock, Liudmila Dutko