Medien in der Familie

AdobeStock_192064547 Jean Kobben

„Leg das Handy weg beim Essen!“ – Wer kennt nicht die Frontgräben, die sich rund um
das Thema Medien in der Familie auftun? Dabei gibt es einen guten Weg, der Medien
wieder zu dem macht, was sie sein könnten: ein Ort der Chancen, fester Teil unseres
Alltags und geniales Werkzeug.

Individuelle Begleitung durch Hingucken und Mitgucken Woran können Eltern sich halten? Zwar existieren Orientierungsrichtlinien für Mediennutzungszeiten in jeder Altersstufe, doch beide Experten halten wenig davon: „Nicht alle Kinder sind gleich. Eltern sollten schauen, was ihre Kinder
machen, was sie interessiert, wie sie individuell reagieren, und auf dieser Grundlage individuelle Zeiten festsetzen“, so Friedrich. Dass dazu gehört, ein Kind nicht allein vor dem Bildschirm
zu lassen, ist Michaela Zipper ein besonderes Anliegen: „Man muss die Kinder auf Medien vorbereiten, aber das geht nur durch aktive Nutzung, durch Lernen in Begleitung. Autofahren, Schwimmen, Radfahren – das alles lernt man auch weder in der Theorie noch allein. So gehört es
auch bei Medien dazu, dass wir als Eltern Interesse zeigen für das digitale Leben, erst dann können wir Verträge und medienfreie Zonen aushandeln. Apps, Sendungen und andere Angebote sollten wir gemeinsam anschauen, die Reaktionen beobachten und über das Gesehene reden. Es ist ja zum Beispiel sowohl gewünschter Effekt als auch Gefahr, dass Medien mehr begeistern als die Realität. Da sollten wir nicht sagen: „So ein dummes Zeug“, sondern fragen: „Warum ist das denn dein Held? Was gefällt dir daran so gut?“

Über Inhalte sprechen, bevor wir über Sanktionen sprechen müssen.

Gemeinsame Absprachen
Auf Basis individueller Begleitung, gestützt von echtem Interesse fürs Kind, können Regeln ausgehandelt werden. Dass das immer ein vielleicht niemals ganz abgeschlosse der Prozess ist, der, wie alle anderen Themen auch, von Streit begleitet sein kann, steht für Friedrich und Zipper fest. „Meine Überzeugung ist“, so Zipper, „Medienerziehung findet in Familien statt, und ist damit
abhängig von den Wertvorstellungen der Eltern. Dieser Aushandlungsprozess findet zwischen Eltern und Kindern statt, aber auch zwischen den Eltern untereinander, die sich einig sein sollten.“ Friedrich empfiehlt die unter www.mediennutzungsvertrag.de angebotene Möglichkeit, gemeinsam mit dem Kind einen individuellen Vertrag für jedes (!) Familienmitglied auszuarbeiten.

Das Gespräch in der Pubertät nicht abreißen lassen
In der Pubertät muss sich die Medienerziehung verändern. Friedrich schlägt vor:„Verbote und Kontrollen sind nur für jüngere Kinder sinnvoll, ab etwa zwölf Jahrensollten die Eltern ihre Kinder eher begleiten, anstatt jedes Detail wissen zu wollen. Esist beispielsweise absolut tabu, heimlich im Handy der Jugendlichen zu schnüffeln.”Auch Michaela Zipper meint: „Begleitung wird auch in der Pubertät nicht überflüssig –im Gegenteil. Mädchen zum Beispiel können auf der Suche nach Abnehmtipps oder dergleichen in Filterblasen geraten. Hier ist es wichtig, bereits eine Vertrauensbasis zu haben, weil wir hier nicht mehr danebensitzen, aber übers Gespräch begleiten.“ Und: „Je frühzeitiger Medien zum Thema werden, desto mehr Vertrauen kann sich entwickeln – das sollte nicht erst zum Thema werden, wenn es Probleme gibt. Wir möchten über Inhalte sprechen, bevor wir über Sanktionen sprechen müssen.“

Das Wichtigste zum Schluss: unser Vorbild Friedrich wie auch Zipper können gar nicht genug
betonen: Zuerst sind es wir Eltern, die reflektieren müssen. „Vor allem, wenn es um Höflichkeit und
Anstand geht, müssen Erwachsene noch viel lernen. Wenn dauernd das Handy vibriert oder im
Restaurant die Erwachsenen ständig auf ihr Handy sehen, müssen wir uns schon an der eigenen
Nase fassen. Vor allem bei Kleinkindern hinterlässt unser Verhalten Spuren“, so Friedrich. Es kann
aufschlussreich sein, sich zu fragen: Ist bei uns immer klar, wann gerade Medienzeit angesagt ist, und wann unsere Zeit unseren Mitmenschen gehört, dem Essen oder anderen Alltagstätigkeiten,
die unsere volle Aufmerksamkeit bräuchten? Was ist uns wirklich wichtig? Begleitung, Gespräche und ein gutes Vorbild sind demnach die Rahmenbedingungen für einen guten Umgang mit Medien, den Frau Zipper so umreißt: „Kinder lernen den Umgang mit Medien und der modernen Technik intuitiv, diese zu reflektieren fällt ihnen allerdings noch schwer. Hier müssen wir sie, als Eltern, mit unseren Werten begleiten.“ (jb)

 

uta | liesLotte - Familienmagazin für Augsburg Stadt und Land

MICHAELA ZIPPER
… ist medienpädagogisch-informationstechnische
Beraterin für Grund- und Mittelschulen der Stadt
Augsburg.
www.mz-la.de/beratungmib/michaela-zippermib-
stadt/

BJÖRN FRIEDRICH
… ist Medienpädagoge, Referent und Autor aus
Augsburg. Er arbeitet bei „SIN – Studio im Netz” und
betreut dort u.a. den „Pädagogischen Medienpreis”,
mit dem jährlich empfehlenswerte Medienangebote
prämiert werden:
www.pädagogischer-medienpreis.de
www.björn-friedrich.de