Radln – an der Côte d’Azur?

Tief im Gewerbegebiet Lechhausen versteckt sich ein echtes Juwel: das Peter-Krauß-Velodrom der RSG Augsburg. Die 200 Meter lange Holzbahn befindet sich in einer unscheinbaren Sporthalle und  ist damit Bayerns einzige überdachte Radrennbahn. Hier treffen sich einmal in der Woche die Nachwuchsfahrer der RSG und anderer Vereine zum vereinsübergreifenden Bahntraining.

Dennis, einer der beiden Trainer, öffnet die Halle und zeigt mir die wichtigsten Dinge: das Holzoval und die Räder. In einem kleinen Raum werden die speziellen Radbahnräder der Vereinsmitglieder aufbewahrt. Dennis stellt schon mal die Räder für die Jugendlichen bereit: „Die meisten besitzen ein eigenes Rad, aber wir haben auch Leihräder, auch in kleineren Größen mit 26 Zoll.” Er nimmt sein eigenes Fahrrad mit in Richtung Mitte der Radbahn. Das passiert mit so einer Leichtigkeit, dass ich das Fahrrad selbst mal hochhebe. Es ist erstaunlich leicht, wenn man nur ein normales Fahrrad gewohnt ist.

Bis die Kinder und Jugendlichen eintreffen, erklärt mir Dennis die Bahn. Der blaue Teil der Bahn, der den Innenraum von der eigentlichen Bahnläche trennt, heißt wegen seiner blauen Farbe ganz offiziell Côte d’Azur. Kurz darüber gibt es eine schwarze Linie, die sogenannte Messlinie, auf der die insgesamt 200 Meter aufgezeichnet sind. Die rote Linie, Sprinterlinie genannt, ist etwas höher angebracht als die schwarze. Eine weiße, breite Linie quer über die Bahn bildet die Start- bzw. Ziellinie. In den Kurven sieht die Bahn von unten gefährlich steil aus. Sie ist hier um etwa 45° überhöht, um die Haftung der Räder beim Fahren zu gewährleisten. In den Seiten flacht sich die Bahn auf immer noch 13° ab.

Die Kinder und Jugendlichen sind inzwischen eingetroffen. Der Jüngste ist 11 Jahre, jüngere gibt es nicht, da allein schon die Radgrößen eine Beschränkung darstellen. „Außerdem ist es für kleinere auch noch nicht so spannend, da es ja prinzipiell nur darum geht, im Kreis zu fahren. Das erscheint denen eher langweilig, auch wenn es das gar nicht ist”, so Sven, hauptverantwortlicher Jugendtrainer. Es ist die vereinseigene Jugend, die heute da ist, aber auch Radfahrer der E-Racers, die bereits mit ihren Rennrädern eine Runde über Stätzling gedreht haben, und sogar ein Fahrer der RC Schwalben aus München. „Ich komme jeden Dienstag, wenn es klappt“, so Louis (12 J.). Denn das wöchentliche Training hier ist offen für alle bayerischen Vereine und auch aus Baden-Württemberg kommen immer wieder junge Radler auf die Bahn. „Hier haben die Jugendlichen
die Möglichkeit, ohne Erwachsene zu trainieren. Das ist für die Kinder viel angenehmer und effektiver. Außerdem ist es die einzige Bahn im weiten Umkreis”, so Sven.

Anton (14 J.) bekommt noch eine Einweisung ins Bahnfahren, während die anderen bereits ihre Runden zum Aufwärmen drehen. Er fährt zwar schon seit ein paar Jahren „Straße” – das normale Rennradfahren – aber ist heute das erste Mal auf der Radbahn. Dennis und Antons Trainer der E-Racers stellen das Rad ein und erklären kurz, auf was es ankommt: „Denk dran, das Rad hat keine Bremse. Und du fährst mit starrer Übersetzung, also die Treter bewegen sich immer weiter, wenn du mal in Fahrt bist. Fahr am Anfang mal auf der schwarzen Linie. Pass auf, wenn du in der Kurve von der Côte d´Azur rauf auf die schwarze Linie fährst, hier sind schon die Besten runtergefallen! Mit 28 bis 30 Stundenkilometer kommst du locker durch die Kurve.“ Anton macht sich bereit. Seinem Gesicht ist nicht wirklich anzusehen, ob er sich eher freut oder ob es ihm doch etwas mulmig zumute ist.

„Übe immer Druck auf die Pedale aus, dann kann nichts schiefgehen”, lautet der letzte Tipp. Und dann zieht auch Anton seine Runden. Die anderen fahren inzwischen in Reihe, während der Letzte der Reihe alle anderen im Slalom überholen muss.

Während einer kurzen Pause nutze ich die Gelegenheit und spreche mit Liv (14 J.), die mit Eva (18 J.) die Frauenquote hält. Sie fährt seit etwa vier Jahren. Wie alle hier fährt sie Rennrad und kam darüber auch aufs Bahnradfahren: „Auch wenn wir NUR im Kreis fahren, im Feld fährt man eng an
eng. Das ist dann schon mal kritisch und macht die Sache spannend.” Die meisten Wettbewerbe auf der Bahn fi nden in der Gruppe statt. Da kommt es darauf an, nicht eingekeilt zu werden, die richtige Lücke zu finden, dicht an dicht und im Windschatten zu fahren und auch mal dezent die anderen wegzudrücken. All das wird auch hier im Training geprobt und erfordert eine hohe Konzentration. Kraft und Ausdauer sind in diesem Sport also nicht alles, wie mich Harald Fischer, Jugendleiter der RSG, in die Geheimnisse des Bahnradsports einführt. Da am nächsten Tag der Start des Brauerei-Rapp-Cups ist, wird nun das 200-Meter-Zeitfahren mit l iegendem Start geübt. Normalerweise befindet sich dafür nur eine Person auf der Bahn, die drei Runden fährt, wobei die
dritte gemessen wird. Im Training fahren alle wieder in Reihe ganz oben auf der Bahn. Der Erste nimmt dann den Schwung aus der Kurve heraus mit, um eine 200-Meter-Runde „Vollgas” zwischen schwarzer und roter Linie zu fahren.

Maxi (11 J.) kommt gerade von seiner Sprintrunde. Verschwitzt sagt er: „Das hat jetzt Spaß gemacht. Aber scho anstrengend!” Er fährt am nächsten Tag sein erstes Rennen und freut sich sichtlich darauf. Eine Frage brennt mir auf den Lippen: „Wie ist das dort oben, in der Steilkurve?” „Na ja, das ist schon schwindelerregend, wenn man runterschaut. Aber man gewöhnt sich dran”, sagt er, steigt auf und schließt sich dem Trupp wieder an.

Während ich nach fast zwei Stunden Training meine Sachen zusammenpacke, trainieren die jungen Radler noch weiter mit einer Art Ausscheidungsfahren. Hier wird im Pulk gefahren, jeweils der Letzte, der über die Ziellinie fährt, scheidet aus. Hier im Training fährt er natürlich weiter. Und dass es dabei zur Sache geht, sieht man: Es wird sehr eng gefahren, teils Schulter an Schulter, und die einzelnen Radler versuchen, sich durch die anderen nach vorne zu drücken. Ich persönlich würde da ja die echte Côte d’Azur bevorzugen… (ab)

Info: BAHNRADFAHREN
RSG Augsburg e. V., Jugendtraining: Sven Baacke, Tel. 0173 / 545 38 14
Training ab ca. 10 –11 J., vereinsübergreifendes Bahntraining, Di 17.30 Uhr,
Leihfahrräder vorhanden, Vereinsbeitrag: 35 € /Jahr (K), 85 € / Jahr (F)
vereinsexterne Fahrer: Jahreskarte Jugendliche fürs Velodrom 90 €