Kinder & Kreativität: Ade Passivität! Willkommen Leben!

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Kreativität gilt als eine Schlüsselkompetenz der Zukunft. Denn sie lässt uns neue, originelle Dinge erschaffen oder denken. Doch wo sind sie hin, die  angeborene gestalterische Schaffenskraft und der Wille, neue, unbekannte Wege zu gehen? liesLotte hat sich mit Priska Leja, Inhaberin des Malortes Augsburg, über Kreativität unterhalten.

Der Mensch ist nur lebensfähig, wenn er kreativ ist. Wie sonst sollte er all seine Probleme lösen, Herausforderungen meistern oder mit Risiken umgehen? Homo sapiens hat vermutlich nicht durch Nachdenken herausgefunden, welche Beeren, Wurzeln oder Früchte wie genießbar sind oder musste unter Zeit- und Erfolgsdruck zielorientiert das Rad erfi nden. Und für die Erkenntnis der Relativitätstheorie mit ihrer Formel e=mc² verharrte Einstein sicherlich nicht in bekannten Denkmustern. Ein kreativer Geist ist uns Menschen grundsätzlich von der Natur mitgegeben, sodass wir die Welt um uns herum mitgestalten können, um uns selbst zu gestalten. Denn das ist es, was für Priska Leja Kreativität schafft: selbsttätig etwas zu bewirken und mitzugestalten, um Auswirkung zu haben in dieser Welt.

Frau Leja, was ist Kreativität für Sie?
Kreativität ist für mich ein Ausprobieren, Spielen und Neuordnen, ein Wesenszug, ein „angewandtes Bauchgefühl“. Jeder Mensch ist von Natur aus kreativ. Kreativität ist wie ein Funke, den jeder in sich trägt, der ihn besonders macht und strahlen lässt. Die Welt wird insgesamt zu kognitiv erfasst. Aber gerade über die Sinne erfahren wir die Welt. Beides zusammen: Das sinnliche Wahrnehmen und geistige Verarbeiten machen Kreativität aus. Kreativität fordert viel Konzentration und Hingabe. Bemerkbar macht sie sich auf verschiedene Weise. Egal ob ich kreativ handle beim direkten Tun und Gestalten oder kreativ denke, um ein Problem zu lösen und Neues herauszufinden. Die Prozesse sind ähnlich. Und so kommt durchs kreative Handeln auch Bewegung in den Kopf. Im Prinzip ist Kreativität die flexible Lebenseinstellung, mit Herausforderungen umzugehen. Der Samen ist in jedem angelegt und doch hat auch die Umgebung einen maßgeblichen Anteil daran, wie stark er dann auch zur Blüte kommen kann.
Kreativität ist das Gegenteil von Passivsein und damit Leben pur!

Wie äußert sich Kreativität bei Kindern?
Permanent! Kinder sind ständig kreativ und das anfangs ganz unbewusst. Stimuliert durch ihre Umgebung bedeutet Kreativsein für sie: ausprobieren und dazulernen. Sie entwickeln ständig neue Ideen und Lösungswege, egal ob beim Laufenlernen, Basteln und Ausredenerfi nden oder später beim Umgarnen im Teenageralter. Besonders stark äußert sich ihre Kreativität beim freien Spielen. Egal ob Rollenspiel, Malen, Werkeln, Singen, Tanzen oder Musikmachen. Hier können sie sich ohne Erwartung ausprobieren. Sie lernen, ihr Wesen auszudrücken, ihre Persönlichkeit zu entwickeln, vorausgesetzt, wir mischen uns nicht zu sehr ein.

Wie funktioniert Kreativität?
Kreativität ist ein Prozess. Er beginnt, wenn wir mit unserer Umgebung in Resonanz gehen und uns ganz auf eine Sache einlassen. Genau so, wie es Kinder von Anfang an tun: Es wird wahrgenommen, beobachtet, probiert, sortiert, das Neue mit bereits Erlebtem verknüpft, verworfen, wieder probiert und dabei immer weiterverarbeitet, was wichtig ist. Vermeintliches Chaos trifft auf Vernunft. Mal hängt es, mal läuft es wieder. Oft scheint der Weg das Ziel und der Prozess wird wesentlicher als das Ergebnis. Wenn aber ein Problem da ist, für das man eine Lösung will, wird man sich weiter auf den Weg machen. Kreativsein ist ein permanentes Austarieren der Möglichkeiten. Irgendwas entsteht immer, oft ganz anders als erwartet. Deshalb steht uns die eigene Erwartung auch gern im Weg. Genau aber das macht den Reiz beim Kreativsein aus: vorher nie genau zu wissen, was rauskommt, und sich immer wieder neu überraschen lassen!

Ist Kreativität deswegen so wichtig, um Lösungen für Probleme zu finden? Fördert genau dies die Entwicklung von Kindern?
Natürlich, Probleme ohne Lösungen bedeuten Stillstand. Um weiterzukommen, brauchen wir kreative Ideen und Gestaltungswillen. Nur wer selber tätig ist, lernt auch, sein Leben zu gestalten. Durch diese Erfahrung wird sich schon das Kind seiner Selbstwirksamkeit bewusst, es wird selbstbewusst und kann so leichter „seinen Platz“ in der Welt fi nden. Durch kreative Tätigkeiten erfahren wir, dass wir selbst Dinge erschaffen und verändern können. Das ist Training fürs Leben, schafft eine positive Lebenseinstellung und Durchhaltevermögen: „Ich habe eigene Ideen, ich kann eine Lösung finden.“ Für Kinder ist alles neu und spannend. Sie sind offen und kennen noch keine
Grenzen im Sinne von „das geht nicht“. Alles scheint möglich und erstaunlich. Dies ist die Grundlage für Kreativität und das sollte man sich unbedingt bewahren!

Wenn mein Kind einen blauen Baum malt, soll ich dann richtig stellen, dass ein Baum aber halt nunmal grün ist?
Nein, das würde ich nicht. Ist das denn wichtig? Ist eine Blautanne eigentlich blau oder grün? Alles eine Frage der Wahrnehmung. Ein Beispiel: Wie unterschiedlich kann der Mond aussehen? Haben Sie sich das schon mal überlegt? Manchmal ist er rot, weiß, gelb oder silbergrau, groß oder klein, voll oder halb. Die Erwachsenen brauchen immer Erklärungen, die Kinder folgen einfach ihrer Fantasie.

Man hat das Gefühl, dass die Kreativität bei Kindern spätestens mit Eintritt in die Schule abebbt. Warum ist das so?
Noten, Zeitdruck, genaue Vorgaben, Angst vor Fehlern und Konformismus sind nicht gerade das, was Kreativität zum Blühen bringt. Leider liegt der Fokus im Schulalltag immer noch auf rationalem Wissenserwerb und Leistungbringen. Kreativität folgt keinem vorgegebenen Lösungsweg. Kinder lernen vor allem über ihre Sinne durch abschauen, ausprobieren und „Fehler“ machen, ganz individuell, nicht nach Stundenplan. Sie reagieren sensibel auf Kritik. Durchs Bewerten werden sie schnell entmutigt bzw. geraten in Abhängigkeit, handeln nicht mehr aus eigenem Antrieb und werden passiv.

Was ist es, was Kreativität befördert?
Not macht zwar erfi nderisch, denn gerade in der Einschränkung liegen viele Möglichkeiten versteckt. Doch braucht es stets einen freien, wachen Geist, Freude am Tun und ausreichend Zeit. Kreativsein geht nicht auf Knopfdruck. Kinder brauchen Zeit für sich alleine, Freiraum und auch mal Leerlauf im Tagesablauf, um selbst aktiv zu werden. Also: Keine Angst vor Langeweile! Es muss nicht alles perfekt sein und schon gar nicht super kindgerecht. Auf unseren absolut sicheren Spielplätzen beispielsweise fehlt manchmal das Risiko oder etwas ausprobieren zu können. Unser Auf-alles-vorbereitet-Sein verhindert Spontanität und Flexibilität. Ohne Sandelsachen auf den Spielplatz zu gehen bedeutet sicher nicht weniger Spaß. Dann wird eben mit Händen und Fundsachen improvisiert oder mit anderen Kindern kooperiert.

Was können Eltern tun, um die natürliche Kreativität von Kindern zu bewahren?
Ganz einfach Vorbild sein und selber kreativ werden! Viel Zeit in der Natur verbringen. Selber mal wieder einen Stift in die Hand nehmen, das Musikinstrument aus dem Schrank ziehen und sich überraschen lassen, was zum Vorschein kommt. Der Familienalltag sollte nicht komplett von Schule, Beruf und gesellschaftlichen Erwartungen vorbestimmt sein. Wichtig ist, dass genügend Zeit bleibt für die Dinge, die uns Spaß machen. Eltern können das gut vorleben, wenn sie sich das Kindsein bewahren, sich von den Kindern begeistern und inspirieren lassen und Anregungen schaffen. Egal ob Waldspaziergang, Konzertbesuch, Verkleidungskiste oder Bastelschublade. Anreize sind wichtig. Wir haben bei uns zu Hause eine kleine Zeichenecke mit weißem DIN-A5-Papier, Holzbrettchen und Stiften. Schön sortiert und immer am selben Platz animiert sie zum spontanen Schreiben oder Zeichnen. Wichtig ist, das ernstzunehmen und wertzuschätzen, mit dem sich das Kind gerade beschäftigt, es einfach sein lassen, ohne verbessern zu wollen.

Haben Sie noch einen letzten Tipp für unsere Leser?
Seien Sie spontan! Machen Sie mal etwas anders als üblich. Springen Sie als Eltern über den eigenen Schatten – lassen sie sich treiben, statt zu steuern, seien sie öfter mal „kindisch“, erfinden Sie Geschichten, verdrehen Sie Dinge oder denken Sie sich Spiele selbst aus. Bauen Sie ein Lager im Wohnzimmer, in dem auch Sie übernachten. Ziehen Sie einfach mal los ohne Ziel und Plan und lassen Sie sich überraschen! Stellen Sie sich doch gleich jetzt die Frage: Habe ich heute schon etwas Verrücktes gemacht? Wenn nicht, dann auf… Tun Sie es! (ab)

Info: PRISKA LEJA
Priska Leja lebt seit 8 Jahren mit ihrer Familie in Augsburg. Sie ist freiberufliche Dipl.-Textildesignerin. Der Weg bei ihren Großeltern führte immer zuerst zur Malschublade. Während die Erwachsenen mit Kaffeetrinken beschäftigt waren, konnte sie dort wunderbar ungestört in eigene Bilderwelten abtauchen. Durch ihre Kinder neu mit dem Thema Kreativität verbunden, stellte sie sich viele Fragen über die Sinnhaftigkeit von kinderärztlichen Zeichentests und die Bewertung von Kreativität. In ihrem 2015 eröffneten Malort in Augsburg können Erwachsene und Kinder beim Malspiel ganz ohne Erfolgsdruck kreativ sein und das Malen als das erleben, was es am Anfang für jeden ist: ein absichtsloses Spiel.