In letzter Zeit erlebte ich mehrere Situationen, in denen ich wütend wurde und dies auch kundtat. Ich habe viel darüber nachgedacht, denn früher war ich eher schüchtern, habe mir wirklich alles gefallen lassen, alle Gefühle geschluckt. Denn laute aufmüpfige Frauen gelten ja gemeinhin als Zicke oder Hausdrachen. Heute als reife erfahrene Frau möchte ich für mich einstehen und bei Ungerechtigkeiten den Mund aufmachen. Ich möchte nicht mehr die Uta sein, die für ALLES Verständnis hat. Und ich weiß, dass es kein persönliches Phänomen ist sondern gesellschaftliche Wurzeln hat. Denn wir Mädchen lernen früh: Lieb sein bringt Applaus, wütend sein bringt Ärger, weibliche Wut ist sozial nicht erlaubt. Schon im Kindergarten wird registriert, wer sich fügt und wer nicht – Mädchen werden eher für Folgsamkeit gelobt, Jungen eher für richtige Antworten. Wut, Aufmüpfigkeit, Lautsein – das wird Jungen fast schon zugestanden, Mädchen nicht. Sie werden dazu erzogen, Rücksicht zu nehmen, sich anzupassen, zu lächeln, Harmonie herzustellen. Und das Fatale: Das passiert oft nicht mal aus böser Absicht – selbst Eltern, die ihre Kinder bewusst nicht in Rollenbilder pressen wollen, tun es unbewusst trotzdem. Weibliche Wut verschwindet dabei aber nicht, sie wird nur teilweise umgeleitet und richtet sich nach innen, zeigt sich in Traurigkeit oder Depression, in Schuldgefühlen oder in selbstschädigendem Verhalten.
Dass man Frauen ihre Gefühle nicht zugestand, ist auch historisch gut dokumentiert. Der Begriff Hysterie kommt vom griechischen Wort für Gebärmutter – schon die antiken Ärzte glaubten, eine „wandernde Gebärmutter” sei die Ursache für alles, was an einer Frau unbequem war. Diese Vorstellung hielt sich erstaunlich lange. Im 18. Jahrhundert behauptete ein französischer Arzt allen Ernstes, Frauen seien aufgrund ihrer „faulen und reizbaren Natur” besonders anfällig für Hysterie. Die Diagnose traf fast ausschließlich Frauen, die als zu emotional, zu rebellisch oder zu launisch galten – ihre Symptome reichten von Wutausbrüchen bis zu körperlichen Beschwerden, für die niemand eine organische Ursache fand. Im 19. Jahrhundert machte u.a. Sigmund Freud die Hysterie zum vielbeachteten Krankheitsbild – untersucht wurden Frauen mit „hysterischen Anfällen”: Frauen, die sich gegen die gesellschaftlichen Normen ihrer Zeit stellten, ihre Meinung sagten oder einfach zu viel fühlten, liefen Gefahr, als hysterisch zu gelten und landeten nicht selten gegen ihren Willen in einer Nervenheilanstalt, behandelt mit Methoden, die heute Folter wären.
Weibliche Wut war und ist vor allem eines: dem Patriarchat unbequem. Eine Frau, die lächelt statt widerspricht, die sich anpasst statt einfordert, die harmonisiert statt konfrontiert – funktioniert reibungslos. Verständnisvoll sein, ausgleichen – das ist nicht einfach Charakter, das ist Arbeit – unbezahlte, meist unsichtbare Arbeit, die dafür sorgt, dass sich alle anderen wohlfühlen, dass die Gesellschaft funktioniert, während frau selbst zurücksteckt. Genau deshalb ist die Kontrolle weiblicher Gefühle fürs Patriarchat kein Nebenschauplatz, sondern zentral: Eine Frau, die ihre Wut zeigt, verweigert diese Arbeit. Sie hört auf, für die Harmonie in der Gruppe zuständig zu sein, und fängt an, für sich selbst zu sorgen. Wut ist bei Frauen deshalb nicht einfach ein unangenehmes menschliches Gefühl. Weibliche Wut ist DIE Emotion, die das Patriarchat am direktesten bedroht. Das Patriarchat sorgt für strukturelles Abtrainieren, das es vom Schweigen und der Angepassheit der Frauen profitiert.
Von Uta Börger.


