Friedlich kämpfen – Aikido mit dem Dojo

HINWEIS: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr (Erscheinungsdatum: 22. November 2018). Es kann sein, dass Inhalte dieses Artikels sich geändert haben. Hier geht es zu unseren aktuellen Meldungen.

„Ich bin der Gewinner!“ Nicht nur Kinder versuchen in unserer Zeit, besser als andere zu sein, zu gewinnen und dem Konkurrenzdruck standzuhalten. In Konflikten geht es dann darum, die Oberhand zu behalten. Gewinnen – Kämpfen – eine Spirale der Gewalt. Dem setzt Aikido als Friedenskunst etwas entgegen. Wie eine Kampfkunst für ein friedliches Kämpfen sorgen kann, lasse ich mir heute im Kindertraining im Dojo für Aikido und Karate, Augsburg e.V. zeigen.

Vor dem Trainingsraum warten bereits die Aikidoka – so nennt man diejenigen, die Aikido praktizieren – in ihrer typischen weißen Trainingskleidung, dem Keiko-Gi. Elisabeth Ackermann, die zusammen mit ihrem Mann Werner das Dojo betreibt, steht in der Türe und begrüßt jedes Kind einzeln. Die verneigen sich beim Betreten vor ihrer Trainerin und vor dem Bild des Aikido-Begründers. Die mehr als 20 Kinder im Alter von etwa sieben bis zwölf Jahren hocken sich gleich in eine Reihe, als alle da sind. Die Lehrerin setzt sich den Kindern gegenüber.

Nach den japanischen Begrüßungsfloskeln herrscht absolute Ruhe. Ich selbst stehe noch vor der Türe, um die Ruhe nicht zu stören und mir von Werner Ackermann erste Erklärungen geben
zu lassen: „Die kleine Verbeugung gehört beim Aikido dazu.Man zeigt so seine Achtung vor
dem Lehrer und auch vor dem Raum. Ich finde das in unserer heutigen Zeit sehr wichtig, wo viel einfach nur dem Spaß wegen kaputt gemacht wird.“ Und auch das Zur-Ruhe-Kommen ist ihm in der Hektik, wo viele nach der Schule schnell zum Training eilen, wichtig: „Die Kinder sollen erst mal ankommen, ruhig werden und zu sich selbst finden, aber auch Stille aushalten können. Das ist für viele gar nicht so einfach.“ Mit einem Klatschen wird die Ruhe beendet und die Kinder beginnen mit dem Aufwärmtraining. Das ist der Zeitpunkt, bei dem auch ich den japanisch anmutenden Raum, der mit vielen, dicken quadratischen Matten ausgelegt ist, betrete. Die kleinen Aikidoka sind hochkonzentriert, denn ihre Aufgabe besteht im Augenblick darin, mit jeweils drei Kontakten pro Matte von einer Seite des Raumes auf die andere zu kommen. Werner Ackermann nutzt die Zeit, um mir noch mehr über die Sportart, die ihn sichtlich fasziniert, zu erzählen: „Aikido ist eine japanische Kampfkunst, bei der es um ein Miteinander anstelle eines Gegeneinanders geht. Sie ist reine Selbstverteidigung und für mich eine Friedenskunst.“ Denn Aikido versucht mit der Energie eines Angreifers zu arbeiten. Anstatt sie hart abzublocken, wird sie umgelenkt. So trägt Aikido zu einer Deeskalation von Gewalt
bei.

Elisabeth Ackermann übt inzwischen mit den Kindern, die sich in zwei Reihen gegenüber stehen. Jakob und Leon (beide 7) zeigen die Übung: Ein Schritt zurück, eine Hand abwehrend nach vorne strecken um Abstand zu schaffen und laut „Stopp!“ rufen. Elisabeth Ackermann ermuntert gerade die schüchternen Mädchen, es wirklich laut zu rufen, was für diese sichtlich schwer ist. „Mit dem Schritt zurück erhalten wir eine bessere Position“, erklärt mir Werner Ackermann. Er stellt sich direkt vor mich und bittet mich, einen Schritt zurück zu machen – fühlt sich besser an, vor allem, wenn man dann auch noch die Hand als „Abstandshalter“ vor sich hält. Er stellt sich noch mal direkt vor mich und bittet mich nun, den Schritt zurück mit einer leichten Drehung zur Seite zu machen. So komme ich komplett aus seiner „Schusslinie“, ohne mich dafür verteidigen zu müssen – sehr einfach, das muss ich mir merken, wenn mir ein unangenehmer Gesprächspartner zu nahe kommt! „Um in schwierigen Situationen auf
solche Lösungen zurückgreifen zu können, muss man so lange üben, bis sie nicht nur in unserer analytischen linken Gehirnhälfte gespeichert sind, sondern auch in der rechten, emotionalen. Denn aus dieser rufen wir im Gefahrenfall, wenn schnelles Handeln angesagt ist, Verhaltensmuster ab, wie wir auf Konflikte reagieren”, so Werner Ackermann. „Haben Menschen vor allem aggressives Verhalten erfahren und trainiert, reagieren sie im Stressfall eher aggressiv.” Genau daran arbeiten die Kinder: stetes Üben von friedlichen Bewegungsmustern, um geeignet auf alle möglichen Situationen und Angriffe reagieren zu können. Zu zweit üben sie gerade die Technik Irimi Nage, mit der der Angriff Shomen-uchi abgewehrt wird. Inga und Marco (beide 9) zeigen es mir. Inga führt den Angriff, einen geraden Schlag, aus. Marco weicht diesem aus, indem er seitlich vorbeigeht, den Schlag mit dem einen Arm abfängt, während er mit der anderen Hand den Kopf von Inga an seine Schulter drückt und sie dann in einer leichten Drehung zu Boden bringt. Inga rollt nach hinten ab und steht wieder. Das Ganze ist eine einzige, flüssige Bewegung. Mark (11) und Marcel (10) sind von dieser Übung ziemlich außer Atem: „Ja, das ist total anstrengend. Auch weil man voll bei der Sache sein muss.“ Mark, der erst seit Kurzem dabei ist, hat bisher Karate gemacht: „Hier schlägt man nicht zu, sondern lässt die Angriffe ins Leere laufen. Das gefällt mir besser.“ „Wir zeigen Kindern nicht nur, wie sie sich verteidigen können, sondern auch, wie sie ihr Sozialverhalten verbessern können und konfliktkompetenter werden. Das fördert die Teamfähigkeit und das Verständnis, wie das Entstehen von Aggression vermieden werden kann“, erläutert Werner Ackermann die Philosophie in seinem Dojo. „Das Kindeswohl liegt uns sehr am Herzen. Deshalb wurde zusammen mit dem Jugendamt der Stadt Augsburg ein spezielles Kinderschutzkonzept für unseren Verein erarbeitet.”

So geht die Stunde dann auch zu Ende, wie sie begonnen hat. Die Aikidoka kommen nochmals zur Ruhe. Mit geschlossenen Augen und den Händen auf den Knien hocken sie in Reihe, bis Elisabeth Ackermann zwei Mal laut klatscht. Dann verbeugen sie sich: einmal vor dem Raum, einmal vor der Trainerin, eimal vor dem linken und einmal vor dem rechten Nachbarn, bevor sie den Übungssal verlassen. Ida und Max, die Zwillinge (8), müssen unbedingt noch etwas loswerden: „Ich finde es toll, dass ich lerne, mich zu verteidigen,“ sagt Max. „Ohne jemandem dabei weh zu tun“, ergänzt und betont Ida. (ab)

Info: DAS DOJO FÜR AIKIDO UND KARATE AUGSBURG E.V.
Sterzinger Str. 3, Augsburg
Ansprechpartner: Werner + Elisabeth Ackermann, Tel. 0821 / 70 85 98
www.dasdojo.de
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