Ändere die Welt, sie braucht es!

HINWEIS: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr (Erscheinungsdatum: 9. Februar 2017). Es kann sein, dass Inhalte dieses Artikels sich geändert haben. Hier geht es zu unseren aktuellen Meldungen.

„Der Appell an uns, den ich aus großen Teilen des Brecht‘schen Werkes herauslese, ist, dass man sich nie zufrieden geben, nie die satte Position einnehmen darf“, so der künstlerische Leiter des Festivals Patrick Wengenroth. In diesem Sinn konfrontiert das Brechtfestival Augsburg vom 3. bis 12. März 2017 den Dichter mit den aktuell brennenden Debatten unserer Gesellschaft – mit den Widersprüchen, Ungerechtigkeiten und Revolten, Erosionsund Zerstörungsphänomenen, Gewissens- und Freiheitsfragen, nicht mehr funktionierenden Systemen und Möglichkeiten einer besseren Zukunft: Ändere die Welt, sie braucht es.“ Das Motto des Festivals stammt aus Brechts Lehrstück „Die Maßnahme“, das auch als Eröffnungsinszenierung zur Premiere gezeigt wird. Regisseur Selcuk Cara hat seine Inszenierung von Brechts umstrittenstem Werk eigens für die beeindruckenden Gebäude auf dem Gelände des Gaswerks Augsburg konzipiert – ein Novum in der Geschichte des Festivals. Selcuk Cara ist als Autor, Regisseur und Opernsänger erfolgreich. Sein autobiografischer Roman „Türke – aber trotzdem intelligent“ schaffte es im Frühjahr 2016 innerhalb weniger Tage auf die Spiegel-Bestsellerliste, sein aktueller Film „Mein letztes Konzert“ wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Seine Interpretation der „Maßnahme“ findet erschreckende Parallelen zur
gegenwärtigen Situation in Europa.

Themenschwerpunkte Feminismus und Brecht-Benjamin

In der Brecht-Rezeption wird der Dichter immer wieder als Chauvinist gelesen, der seine Frauen und Mitarbeiterinnen ausgenutzt haben soll. Auf welche Weise wir uns auch 75 Jahre später noch mit Frauenfragen und Männerbildern auseinandersetzen, kommt beim Thementag „Feminismus ist für alle da“ zur Sprache. „Fuck Heroes, Fight Now“ (ein Zitat aus Laurie Pennys Buch „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“) bringt die aktuellsten Stimmen zu diesem Thema zur Diskussion – die Autorin und Journalistin Laurie Penny und Jack Urwin, der mit seinem Buch „Boys Don’t Cry. Identität, Gefühl und Männlichkeit“ eine witzige und scharfe Auseinandersetzung mit toxischer Maskulinität und ihren Folgen geschrieben hat. Beide Autor*innen lesen aus ihren Texten und diskutieren mit der
Journalistin und Autorin Meredith Haaf (Neon, Missy Mag und Süddeutsche Zeitung). Theatralisch wird das Thema Chauvinismus-Feminismus in zwei Performances reflektiert: „GAP, ein performatives Tryout“ des Hamburger Frauen-Performance-Kollektivs Genderdungeon II um die Regisseurin Ute Rauwald unternimmt den Versuch, Kafkas Erzählung „Heimkehr“ neu und „feministisch“ zu interpretieren. Die multimediale Science Fiction Performance „First Black Woman in Space“ von Simone Dede Avivi, behauptet eine postrassistische Zukunft, erzählt von Befreiungskämpfen und Empowerment und lässt das Theater zum Zukunftslabor werden – ein Raum für Utopien. Ein weiterer Thementag ist der Beziehung zwischen Brecht und Walter Benjamin gewidmet, zwei der größten Denker ihrer Zeit, deren Freundschaft und Arbeitsbeziehung als eine der politisch und ästhetisch folgenreichsten des 20. Jahrhunderts gilt: „Bertolt Brecht und Walter Benjamin: Laboratorium Vielseitigkeit“. Unter der Leitung von Prof. Dr. Erdmut Wizisla, Leiter des Brecht- und Benjamin-Archivs Berlin, geben Vorträge, Gesprächsrunden und Workshops Einblicke in diese Konstellation und ihre Relevanz für die Gegenwart. Die zweite Eigenproduktion des Festivals rundet den Tag auf der Bühne ab. Der Brecht-Benjamin- Abend „Krise ist immer“, inszeniert von Friederike Heller entsteht in Kooperation mit der
Akademie der Künste Berlin und fragt: Muss die Utopie offener Grenzen scheitern? An was? Am Ich? Müssen Angst und Abgrenzung immer stärker sein?

Brecht-Revue von und mit Patrick Wengenroth

Wie er Brecht und das Festivalprogramm versteht, macht Festivalleiter Patrick Wengenroth nicht nur hinter den Kulissen, sondern auch auf der Bühne deutlich. Als Regisseur inszeniert er die Revue „Die Welt ist: schlecht! Und ich bin: Brecht!“ und steht darin selber als Bertolt Brecht auf der Bühne. Und hier wird noch einmal klar: Alles das, was Brecht ist, muss bitteschön auch Brecht bleiben: in Bewegung, streitbar, tragisch, krude, zart, bösartig, zum Brüllen komisch und vor allem in Reibung mit der Gegenwart und der Geschichte. Die Produktion des Theaters Augsburg wird nach dem Festival ins Repertoire übernommen.

Einbindung der Augsburger Szene

Das Brechtfestival 2017 bindet auch weiterhin aktiv die Augsburger Kultur-Szene ein. Viele kleinere und größere Formate zu Literatur, Lyrik und Film im Verhältnis zum Werk Brechts und
den Verbindungslinien zu anderen Künstlern wie Franz Kafka und Charlie Chaplin runden das Programm ab. Das Augsburger Sensemble Theater bringt das internationale Jugendtheaterstück „Brot des Volkes“ zu Brechts gleichnamigem Gedicht zur Premiere, in dem Jugendliche aus aller Welt sich mit dem Begriff „Gerechtigkeit“ auseinandersetzen. Das Autorenduo Nolte Decar leitet eine fünftägige Schreibwerkstatt für Schüler*innen unter dem Titel „Augsburger Szenen“, deren Ergebnisse öffentlich präsentiert werden. Und für Kinder im Grundschulalter gibt es ein mobiles Programm mit Musik „Bertolt Brecht im Bücherbus“ vom FAKS Theater.

Bewährte Formate beim Brechtfestival

Neben vielen Neuerungen, zu denen – bedingt durch die vorzeitige Schließung des Großen Hauses des Theaters Augsburg – auch die Erschließung anderer, ungewöhnlicher Spielstätten in der Stadt gehört, wie das Gaswerk-Areal oder die Probebühne des Theaters, hält das Brechtfestival an einigen bewährten Formaten fest. So gibt es 2017 auch wieder „Poetry – Dead or Alive?“ mit dem Hamburger Moderator und Fernsehpreisträger Michel Abdollahi und den international besetzten zweitätigen Brechtkongress mit namhaften Forschern unter der Leitung von Dr. Jürgen Hillesheim, zum 25. Jubiläum der Forschungsstätte. Wieder dabei sind auch die Augsburger Sonder-Rauchzeichen mit aktueller Lyrik im Brechthaus.

Die Lange Brechtnacht ist seit vielen Jahren ein Höhepunkt des Festivals, so auch 2017. In dem von Girisha Fernando kuratierten hochkarätigen Musikprogramm spielen unter anderem Isolation Berlin, Dakh Daughters aus Kiew, Sidsel Endresen aus Oslo, Käptn Peng und Die Tentakel aus Berlin und Erobique aus Hamburg. Ergänzt wird die Lange Brechtnacht durch das Sonderkonzert „Wecker trifft Brecht“: Der Münchner Liedermacher Konstantin Wecker, selbst bekennender Brecht-Fan, präsentiert mit seinem Trio eigens für diesen Anlass ein Programm, das sich u. a. mit Texten von Brecht auseinander- und diese in Bezug zu eigenen Arbeiten setzt. Das vollständige Programm sowie die Ticketinfos finden Sie unter www.brechtfestival.de.