Von alten und neuen Talenten

HINWEIS: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr (Erscheinungsdatum: 25. Januar 2017). Es kann sein, dass Inhalte dieses Artikels sich geändert haben. Hier geht es zu unseren aktuellen Meldungen.

Wir denken zu wissen, was wichtig ist für Ausbildung und Beruf, für ein glückliches Leben. Zumindest hoffen wir, es zu erahnen und unseren Kindern weitergeben zu können.
Aber wissen wir denn auch, ob das in Zukunft auch noch zählt? Dann, wenn unsere Kinder erwachsen sind und sie ihre Talente und Erfahrungen gebrauchen. liesLotte hat sich mit dem Zukunftsforscher Tristan Horx aus Österreich über alte und neue Talente unterhalten, welche heute und welche in Zukunft wichtig sind.

Welche Talente werden heute in unserem Bildungssystem gefördert?

Das heutige Bildungssystem fördert großteils Strukturarbeit, Disziplin und Zeitmanagement. Vor allem in Österreich kommen die charakterlichen, die „kreativen“ Bildungsziele deswegen zu kurz. Individualisierter Unterricht muss eines der Ziele einer holistischen Bildungsreform sein. Interdisziplinäre Kurse müssen die scharfen Grenzen verschiedener Fächer aufweichen, um auch nicht-lineares Denken zu fördern. Kommunikative und emotionale Skills werden nicht vom Frontalunterricht gefördert, sind aber essenzielle Teile des Lebens, und somit auch Aufgabe der Bildung.

Welche Talente sind in der Zukunft wichtig? Gibt es Talente, die dann „in“ oder „out“ sind?

Wenn man Disziplin als „altes“ Talent nimmt, kristallisieren sich drei wichtige Zukunftstalente heraus. Kreativität, Gruppenfähigkeit und Selbstwirksamkeit. Achtsamkeit wird eines der wichtigsten „Talente“ der Zukunft, und kombiniert die oben genannten Skills zu gewissen Graden. In Amerika ist das bereits in den Klassenzimmern angekommen – da steht in manchen Schulen Meditation auf dem Stundenplan. Das Informationszeitalter verlangt einen besseren Umgang mit Konzentrationsspannen und einen sinnvollen Umgang mit Medien, um der Informationsüberflutung zu entgehen. Medienkompetenz
ist unglaublich wichtig!
Ein „Talent“, das sicher seine Wichtigkeit verlieren wird, ist das Auswendiglernen. Normiertes Wissen ist ja jederzeit abrufbar. Metakognitive Skills sind überlebenswichtig. Man muss im Internetzeitalter „eine Stufe höher denken können“.

Muss sich gesellschaftlich etwas ändern, um diese „Zukunftstalente“ besser zu fördern?

Gesellschaftliche Änderungen können nicht nur „von oben“, vom Staat aus erfolgen, sondern brauchen auch vielfältige Engagements von Lehrern, Schülern, Elterninitiativen. Und wir brauchen Best-Practice-Beispiele, an denen man sich orientieren kann. Nehmen wir mal ein Beispiel aus den Ländern, die in Bildungs- und gesellschaftlichen Fragen vergleichsweise sehr gut abschneiden. Schweden zum Beispiel hat ein Modell, in dem Schüler durch gute Anwesenheit und Noten ein „Gehalt“ kriegen. So werden sinnvolle Anreize für Schüler geschaffen, die Eigenverantwortung belohnen.

Sollte auch unser Bildungssystem darauf reagieren? Wie kann es das konkret tun?

Die Standardisierung der Bildungsinstitutionen wie standardisierte Abis und Prüfungen in der Bildungsplanung sind eher tragische Symptombekämpfungen als eine pädagogisch wertvolle Maßnahme. Ken Robinson, einer der führenden Bildungsphilosophen, sagte: „The answer is not to standardize education, but to personalize and customize it to the needs of each child and community. There is no alternative. There never was.” Talentförderung muss beim Individuum ansetzen – Lehrer sowie Schüler –, um impact und Durchsetzungsvermögen zu haben. Insofern muss das Problem bei seinem Ursprung gefasst werden – lokalisierte, spezialisierte Gesellschaften schaffen talentierte Schüler.

Was bedeutet das für den Einzelnen, also für unsere Kinder und für uns als Eltern?

Der Veränderungswille beginnt nicht bei den Institutionen, sondern beim Individuum. Wenn von unten keine Kraft kommt, sondern diese von Negativität erstickt wird, kann sich nichts verändern. Die Gesellschaft besteht nun mal aus Individuen.

TRISTAN HORX, KULTUR- UND SOZIALANTHROPOLOGE
Sein Arbeitsfeld fokussiert die Generationen X, Y und Z.
Er unterstützt die Onlineredaktion des Zukunftsinstituts, das die Trend- und Zukunftsforschung in Deutschland von Anfang an maßgeblich geprägt hat.
Es gilt als eines der einflussreichsten Think-Tanks der europäischen Zukunfts- und Trendforschung.