Freunde sind toll, aber … – Eltern und die Freunde der Kinder

HINWEIS: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr (Erscheinungsdatum: 3. Januar 2017). Es kann sein, dass Inhalte dieses Artikels sich geändert haben. Hier geht es zu unseren aktuellen Meldungen.

Natürlich möchten Eltern, dass es ihren Kindern gut geht und dass sie gute Freunde haben, mit denen sie all die positiven Effekte von Freundschaft erleben können. So machen sich Eltern oft Gedanken darüber, ob das Kind überhaupt Freunde hat, genügend oder gar zu viele Freunde hat und welche Freunde ihrem Kind guttun oder womöglich auch nicht. Inwieweit Eltern aber für die Freundschaften ihrer Kinder zuständig sind oder vielleicht sogar in sie eingreifen sollen oder dürfen, darüber hat sich liesLotte mit Silke Meyer-Ries, Jugendlichentherapeutin und Familiencoach, unterhalten.

Müssen Kinder Freunde haben?

Mir scheint, dass das Thema Freunde seit einigen Jahren ein neues „schwieriges Thema“ bei Eltern ist. Bei Babys geht es um Essen, Schlafen, Verdauen, ab einem Jahr geht es darum: „Mein Kind soll Kontakt haben.“ Eltern stehen dann schnell unter Druck, dass ihr Kind zu wenig Kontakt hat oder es wird sogar als Defizit gesehen, wenn ein Kind vermeintlich keinen Kontakt hat. Freundschaften sind etwas Wunderbares, und gleichzeitig dürfen Eltern sich diesbezüglich entspannen. Wichtig ist es, das tatsächliche Bedürfnis des Kindes zu berücksichtigen. Und dieses ist bei jedem Menschen – auch den Erwachsenen – sehr unterschiedlich ausgeprägt. Es gibt Kinder, die haben ein großes Bedürfnis nach Ruhe und alleine zu spielen; denen ist dreimal n der Woche am Nachmittag einfach zu viel. Aber es gibt auch Kinder, die am liebsten ständig ihre Zeit mit anderen zusammen verbringen möchten.

Wie können Eltern die Bedürfnisse ihres Kindes in Bezug auf Kontakte erkennen?

Das Wichtigste ist das Inkontakttreten mit seinem Kind. Auch bei Dreijährigen funktioniert das schon. Wenn das Kind keine Lust hat, andere zu treffen, kann man mit ihm genausogut darüber sprechen wie mit einem Erwachsenen. Man muss es nur runterbrechen auf Kindersprache: Was möchtest du dann? Oder: Gefällt es dir, hier alleine zu spielen? Dabei ist es aber auch wichtig, die eigenen Bedürfnisse oder Motivationen zu sehen. Denn während ich vielleicht einen einsamen Büroalltag hinter mir habe und dann gerne andere Menschen treffe, kann es für mein Kind, das einen anstrengenden Tag mit vielen anderen Kindern in einer Kindertagesstätte oder in der Schule geschafft hat, wichtig sein, Ruhe zu finden. Man sollte sich klar darüber werden, warum man Bedenken hat bzw. es einem Angst macht, wenn das Kind nicht mit anderen spielt und was das mit einem selbst zu tun hat. Dann sollte man seine Ängste durchaus auch mitteilen: Ich hätte große Lust, jemanden zu treffen, du nicht? Oder: Ich mache mir Sorgen, mir würde es nicht gefallen, hier alleine zu sein. Wie geht es dir damit? Gehen Sie neugierig auf Ihr Kind zu, ohne bereits Vorerwartungen ins Gespräch mitzubringen!

Auch wenn ein Kind nicht das Bedürfnis nach Kontakten äußert, ist es nicht wichtig für seine Entwicklung, Freunde zu haben?

Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach Verbundenheit, manche eventuell mehr eine Verbundenheit mit sich selbst als mit anderen. Sie brauchen und genießen die Zeit mit sich selbst, das Spiel alleine. Wenn sie still und in sich gekehrt sind, kann das Typsache sein. Man sollte auch bedenken, dass Kinder ja meist ein volles Programm und genügend Kontakte bereits in Krippe, Kindergarten und Schule haben. Gerade sensible und sensitive Kinder haben dann eher ein Ruhebedürfnis. Da ist es meist eine Sorge der Eltern, weniger der Kinder. Wenn allerdings eine gewisse Traurigkeit mit im Spiel ist, dann ist es oft Anzeichen für ein nicht selbst gewähltes Alleinsein.

Was können Eltern tun, die sich Sorgen machen?

Reden Sie mit Ihrem Kind! Treffen Sie keine Vorannahmen, seien Sie liebevoll im Kontakt und interessieren Sie sich für das, was Ihr Kind denkt! Kinder sind Philosophen, man kann sehr früh über große Themen sprechen. Wie ist das mit Freundschaften? Braucht man die? Erst später kann man dann auf die persönliche Ebene gehen, sollte sich selbst dann aber auch öffnen: Ich brauche Freunde. Wie ist das mit dir? Denn oft steht ja ein eigenes Bedürfnis dahinter. Und bieten Sie Ihre Hilfe an: „Wenn du Kontakt magst, mit wem?“ Gehen Sie mit kleineren Kindern einfach mal raus auf den Spielplatz, wo sie mit anderen in Kontakt treten können. Dann sollte man sehen, ob die Hilfe angenommen wird. Wichtig ist, dass man das Kind nicht drängt. Eher sollte man noch vorsichtiger an die Sache rangehen.

Sollten Eltern nicht von klein auf Kindern Kontakte anbieten, um ihnen überhaupt die Möglichkeit zu schaffen, Freunde zu finden?

Anbieten ist sehr gut. Es gibt ja inzwischen viele Möglichkeiten dafür, wie z.B. Babyschwimmen oder Krabbelgruppen. Oft tut es den Eltern selber auch gut, dabei andere Eltern kennenzulernen. Wenn daraus eine Kinderfreundschaft entsteht, ist das toll. Aber hier sollte auch der Grundsatz der Freiwilligkeit gelten. Wenn Eltern sich gut verstehen, die Kinder aber nicht miteinander spielen wollen, sollte man sie auch nicht zwingen. Prinzipiell haben Kinder heutzutage viele Kontaktmöglichkeiten im Kindergarten. Früher wurden sie auch nicht „angeleitet“ zum gemeinsamen Spiel mit anderen, sondern haben sich das soziale Miteinander selbst gestaltet.

Was machen Eltern, wenn sie die Freunde der eigenen Kinder nicht mögen?

Eltern wollen ihr Kind natürlich beschützen. Daher sollten sich Eltern in dieser Situation fragen, warum sie den Freund nicht mögen, was ihre Angst dahinter ist und gleichzeitig herausfinden, was das Kind an diesem Freund toll fi ndet. Es besteht dann immer noch die Möglichkeit, das fremde Kind zu sich nach Hause einzuladen oder zu einem Treffen draußen, wenn man beispielsweise Bedenken gegenüber dem Zuhause des Freundes hat. So können Eltern selbst dabei sein, wenn sie Probleme befürchten. Allerdings kann und sollte man zur Verfügung stehen, gerade wenn man merkt, dass das Kind selbst auch Stress hat, beispielsweise mit manipulativen Freunden: Ich würde das nicht aushalten, was meinst du? Was tut dir gut, was nicht? Und man kann das Kind auch dahingehend unterstützen, dass man ihm erklärt, dass man eine Freundschaft auch sein lassen kann. Ein Verbot dagegen wird in meinen Augen nichts nutzen, das macht den Reiz dieser Freundschaft nur größer und bietet die Gefahr einer Parallelwelt, in der entgegen dem Wissen der Eltern dieser Freund doch weiterhin getroffen wird.

Und was tut man, wenn der beste Freund des Kindes weggezogen ist oder die Freundschaft aufgekündigt hat?

Nun, das ist sehr traurig, aber das Leben ist so. Es wird immer wieder Abschiede geben und wir als Eltern dürfen unsere Kinder durch diese Zeit unterstützend begleiten. Traurigkeit ist eine wichtige Emotion und darf sein. Das heißt, man darf den Kindern auch Raum und Zeit dafür lassen und gleichzeitig immer wieder Lösungen anbieten: Was brauchst du, kann ich dir helfen? Sollen wir einen Brief schreiben? Magst du dich mit jemand anderem treffen? Und zeigen Sie, wie es Ihnen geht. Was gab es bei Ihnen schon für Abschiede und Neuanfänge?

Aber alles in allem, sind Freunde nicht auch was Tolles und Wichtiges für ein Kind?

Oh je, das wäre mir jetzt arg, wenn es so rübergekommen wäre, als ob Freunde nicht etwas Tolles sind! Freundschaften mit Gleichaltrigen zu haben, um sich gemeinsam auszuprobieren, die Welt gemeinsam zu erkunden, Spaß zu haben, zu spielen, miteinander Geheimnisse zu haben, sich vertrauen zu können, ist etwas Großartiges. Und es ist vor allem toll, wenn ich es mir wirklich selber aussuchen darf, mit wem und wie oft ich mich wie treffen mag. Den Kindern das Wissen um die eigenen Bedürfnisse zuzugestehen und sie zu ermuntern, Freundschaft so zu leben, wie es ganz individuell für sie richtig ist, das ist die große Kunst in der Erziehung, zumal es eben doch auch schon fast Regeln für die „richtige Freundschaft“ zu geben scheint.

Silke Meyer-Ries ist Diplom-Sozialpädagogin und seit fast 30 Jahren im Kinder-und Jugendhilfebereich für verschiedene Jugendämter tätig. Zudem hat sie seit 15 Jahren eine eigene Praxis als systemische Familientherapeutin und Coach. Sie hat zwei inzwischen erwachsene Töchter.
www.meyer-ries.de